// der traurige blick in die weite geschichten von heimatlosen:: michael köhlmeier

text: haz

 

Der sagenhafte Köhlmeier folgt dem Jahrestakt. Ein jedes Jahr ein jeglich Buch. "Dein Zimmer für mich allein", die sanfte Erzählung eines Mannes, der aus einem Zug steigt, alles versäumt und sich in eine fremde Wohnung und Leben schleicht um Identität zu finden; sich seine Seele wärmt am weiblichen Mensch und einiges erkennt, - Der Entführungskrimi "Calling" ein Jahr darauf und nun "Der traurige Blick in die Weite", ein Buch voller verschieden kleiner, sensibel gesponnener Geschichten und gleich die erste erinnert an Handkes "Wunschloses Unglück".

Wohl geht es nicht um die Mutter, sondern um die Großmutter, doch das leicht melancholische läßt erinnern. Während Peter Handke sein Buch unter anderem mit einem Zitat von Bob Dylan einleitet, greift Köhlmeier zu Goethe. Muß anscheinend so sein im Goethejahr.

Michael K. ist einer, den man gut vorlesen kann, jemand der rund und gut von der Strecke abkommt und uns Geschichten erzählt. Nicht wert darauf legt, ob möglich oder nicht, und gerade das macht ihn aus. Manchmal aber, da meint man, der Buchtitel hat schon zuviel abgeschöpft von der Substanz. Hat zuviel versprochen und man erwischt sich, wie man vorblättert und die Seiten zur nächsten Geschichte abzählt. Beim Buchlesen läßt sich eben schwer weiterzappen.
Alles Märchen irgendwie und mitten darunter ein Gedicht über Bikila Abebe bei der Olympiade in Rom. 1960. Circa zwei Seiten lang und alle enden sie - so oder so ähnlich.

Man muß sich ein Stück leeres Papier aus einer Bibel nehmen, es in feine Streifen schneiden, die Streifen aneinanderkleben, darauf das Vaterunser schreiben und sich dann das Band in der Gegend der unteren Löcher um den Leib wickeln, denn wenn der Schurkissimus irgendwo in uns hineinfahren kann, dann in dieser Gegend.

Zuviele Kurzgeschichten laufen uns zur Zeit über den Weg, der Lustbogen ist reichlich überspannt. Mehr nach Roman ist es gerade, denn die Urlaubszeit ist vorbei. Schwere Herbsttage kommen, dicke Bücher werden sympathisch. Daher ist es nächstes Jahr besser. Greift zu seinen griechischen Sagen, lest "Dein Zimmer für mich allein". Ist man dann eingehüllt in seine Art - ja gut, dann auch legitimieren sich traurige Blicke.

deuticke verlag, 1999 wien - münchen, isbn 3-216-30485-x, hardcover