reisebericht zur authentizität von benjamin leberts crazy

text: Christian Lustig

Der folgende Reisebericht soll dazu dienen, die Authentizität des Romans Crazy von Benjamin Lebert zu untersuchen. Meine Reise nach Deutschland erstreckte sich insgesamt über vier Tage. Im Laufe dieses Reiseberichts werde ich versuchen, einige Episoden dieses Romans auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Es wird auch interessant sein, ob die vielen Namen, die in diesem Roman vorkommen, authentisch oder frei erfunden sind. Obwohl diese Art einer Proseminararbeit Neuland für mich ist, freue ich mich über die Möglichkeit, einmal ein Werk auf seiner inhaltlichen Ebene zu hinterfragen und Hintergründe, die möglicherweise zu diesem Werk geführt haben könnten, zu recherchieren. Diese Gelegenheit eröffnete sich mir in meiner ganzen Studienzeit bisher noch nicht, denn bisher war entweder Textkritik oder die Aufstellung und Untermauerung von Thesen, unter Heranziehung diverser Sekundärliteratur gefragt, was, wie ich gestehen muss, zumeist eine sehr theoretische und trockene Angelegenheit war und mit der Realität oftmals sehr wenig gemein hatte.
Reisebericht

13. Mai 1999

Um acht Uhr holte ich meinen Freund Michael zu Hause ab, und wir traten unsere Reise nach Rosenheim an. Nach fast drei Stunden Fahrt machten wir in Mondsee eine kleine Pause. Nachdem wir gegessen und getrunken hatten, setzten wir unsere Fahrt fort. Zwei Stunden später, also ungefähr um 13.00 Uhr kamen wir in Rosenheim an. Wir holten Michaels Cousin Walter von seiner Firma ab und fuhren zu einem nahe gelegenen Italiener, um etwas zu Mittag zu essen. Beim Essen erzählte ich Walter von dem Buch und fragte ihn, ob er Neuseelen oder sogar das Internat Schloss Neuseelen kannte. Ich war ein wenig erstaunt, dass er dies verneinte, da Benjamin Lebert in seinem Roman schreibt, dass Neuseelen nur einige Kilometer von Rosenheim entfernt sei. Walter meinte, dass wir es schon finden würden, natürlich vorausgesetzt es existiere überhaupt. Ich gab mich vorerst damit zufrieden, denn ich hatte ja noch zwei Tage Zeit, das Schloss Neuseelen zu finden.

14. Mai 1999

Als Michael und ich an diesem Vormittag aufwachten, war Michaels Cousin Walter bereits weg, da er noch ein paar Termine hatte, die er nicht verschieben konnte, wie er uns am Abend zuvor mitgeteilt hatte. Da es in seinem Kühlschrank sehr karg zuging und uns der Hunger plagte, beschlossen wir in das Stadtzentrum von Rosenheim zu fahren und dort zu frühstücken. Anschließend sahen wir uns die Innenstadt von Rosenheim an und staunten über das typisch bayrische Treiben. Es gab unzählige Stände, wo sich die Bevölkerung an Weißwurst, Brezeln und Weißbier erfreute, und ich musste zu meinem Bedauern auch feststellen, dass es sehr schwierig war, hier eine richtige Wiener Melange zu bekommen. Ich nahm unseren Spaziergang zum Anlass meine Recherchen das Buch betreffend voranzutreiben, was sich sehr schwierig gestaltete. Zuerst versuchte ich es auf dem örtlichen Postamt, doch hier quittierte man meine Fragen nach Neuseelen und seinem Internat nur mit ungläubigen Blicken und einem Kopfschütteln. Plötzlich erinnerte ich mich an eine Stelle im Roman, wo davon die Rede war, dass die Jungen mit dem Bus von Neuseelen nach Rosenheim gefahren sind, und ich dachte mir, dann müsste ich ja auf einem Busfahrplan auch die Haltestelle Neuseelen finden. Obwohl Michael schon ziemlich ungeduldig war, half er mir doch bei der Suche nach einer Bushaltestelle. Als wir endlich eine Haltestelle gefunden hatten, nahm ich mit Wohlwollen zur Kenntnis, dass sich neben dem Busfahrplan auch eine Straßenkarte, die sich über das Gebiet zwischen Salzburg und München erstreckte, befand. Michael suchte auf der Landkarte nach Neuseelen, während ich mich über den Fahrplan hermachte, doch obwohl wir ganz genau suchten, konnten wir weder auf der Landkarte noch auf dem Busfahrplan Neuseelen ausmachen. Ich muss gestehen, dass ich zu diesem Zeitpunkt wirklich ratlos war und scherzhaft zu Michael sagte, dass dies ein sehr kurzer Reisebericht werden würde.
Als Walter am Abend fragte, ob unsere Suche nach dem Schloss Neuseelen in der Zwischenzeit von Erfolg gekrönt war, musste ich dies zu meinem Bedauern verneinen, und er schlug vor, es einmal mit dem Satellitennavigationssystem in seinem Auto zu versuchen. Ich gab also Neuseelen in das GPS-System ein und auch dieser Versuch blieb erfolglos, was mich zu diesem Zeitpunkt ehrlich gesagt nicht mehr überraschte.

15. Mai 1999

An diesem Vormittag, Walter und Michael schliefen noch, las ich noch einmal das Kapitel in Leberts Buch, in dem er die Fahrt nach München beschrieb und mir fiel auf, dass er und seine Freunde mit dem Zug von Rosenheim nach München fuhren, was mich auf eine Idee brachte. Ich sah meine letzte Chance doch noch herauszufinden, wo sich dieses Internat befindet, auf dem Bahnhof von Rosenheim. Also fuhr ich zum Bahnhof und erkundigte mich an der Information nach meinem Neuseelen, doch auch hier entgegnete man mir, dass dieses Neuseelen nicht existierte. Ich wollte meine Recherche schon aufgeben, als mir die Dame am Informationsschalter vorschlug, einen ihrer Kollegen, der aus einer Kleinstadt bei Rosenheim stammt, beim Fahrkartenschalter zu fragen, was ich dann auch tat. Und endlich! Als ich dem Mann mein Anliegen vorgetragen hatte, meinte er, dass es hier in der Umgebung nur ein Internat gibt, auf das meine Beschreibung passen könnte, und zwar das Internat Schloss Neubeuern. Ich bedankte mich und fuhr wieder zu meinen Freunden. Ich erzählte Walter von dieser Neuigkeit, und als er Neubeuern hörte, begann er plötzlich zu lachen und meinte, dass er das "Kaff", wie er es formulierte, kannte und sogar ein paar Jahre dort gewohnt hatte.
Nachdem wir zu Mittag gegessen hatten, fuhren wir nach Neubeuern. Während der Fahrt erzählte uns Walter etwas über das Internat. Er sagte, dass es ein sehr teures Internat ist, und Schauspieler und reiche Industrielle dort ihre Kinder gewissermaßen "abschieben".
Wir erreichten das auf einem Berg gelegene Schloss Neubeuern durch einen schmalen Waldweg. Als wir schließlich beim Schloss ankamen, sahen wir, wie ein junger Bursch gerade seine Golftasche in einen silbernen Porsche einlud und davonbrauste. Wir gingen durch das Hauptportal des Schlosses in eine Art Arkadenhof, der durch eine nicht sehr hohe Mauer begrenzt wurde, von der aus man eine tolle Aussicht ins Tal und somit auf Neubeuern hatte. Das Schloss war alt und strahlte durch seine Größe eine
seltsame Würde und Erhabenheit aus, was jedoch den tristen Eindruck, den die Gitterstäbe an den Fenstern vermittelten, nicht überdecken konnte. Dann gingen wir hinein und stiegen eine alte Treppe in den ersten Stock hinauf. Die alten Holzböden des Internats erinnerten mich sofort an Benjamin Leberts Beschreibung in seinem Roman, denn sie knarrten wirklich sehr laut. Da das Sekretariat geschlossen war, und das Gebäude auch sonst menschenleer schien, gingen wir wieder in das Erdgeschoß, um eventuell dort jemanden anzutreffen. Auf der rechten Seite der Treppe sahen wir die Tür zur Küche offen stehen, und Walter meinte, dass wir die Köchin fragen sollten, da sie als gute Seele des Hauses mit Sicherheit etwas wissen musste. Wir gingen also in die Küche, stellten uns vor und fragten die Köchin, ob sie von dem Roman gehört hätte und vielleicht sogar Benjamin Lebert kannte. Es war eine Frau um die 40, die auch aus Österreich, genauer gesagt aus Kufstein kam, wie sie uns erzählte. Sie erzählte uns, dass sie schon seit fast 15 Jahren hier im Schloss Neubeuern arbeitete, dass sie sich an Benjamin Lebert erinnern könne und auch seinen Roman gelesen hätte, von dem sie aber alles andere als begeistert zu sein schien. Ich forderte sie höflich auf, uns etwas mehr über Benjamin Lebert zu erzählen, was sie dann auch tat. Sie erzählte, dass sie und ihre Kolleginnen ihn häufig bemuttert hätten, ihm Frühstücksbrote und auch Jausenbrote zurecht gemacht hätten, da er sich aufgrund seiner Behinderung sehr schwer getan hätte. Sie betonte aber auch, dass sie alle ein wenig enttäuscht wären, wie er das Internatsleben in seinem Roman beschrieben hätte. Auf die Frage, ob wir auch ein Mitglied des Lehrkörpers befragen könnten, teilte sie uns mit, dass sich zurzeit leider kein Erzieher im Gebäude aufhalte. Wir bedankten uns für die Informationen und verabschiedeten uns.
Als wir das Schloss verlassen wollten, trafen wir bei der großen Holztreppe zufällig einen Erzieher. Wir stellten uns vor und erzählten ihm von der Natur unseres Anliegens. Zuerst war er sehr distanziert und wollte kaum etwas sagen, doch nachdem ich ihm
von dem Seminar und meinen Recherchen erzählte, fing er plötzlich an zu erzählen. Er erzählte uns von Benjamin Lebert. Er sagte, dass er, obwohl dies für sein Alter sehr unüblich wäre, lange Zeit ein Einzelzimmer bewohnt und auch sonst Schwierigkeiten gehabt hätte, sich mit anderen Schülern anzufreunden. Er erzählte von langen Gesprächen mit Benjamin, bei denen er versucht hätte, ihm das Leben hier im Internat etwas zu erleichtern. Ich fragte ihn, ob die Personen, die in Leberts Roman vorkommen, authentisch sind, worauf er entgegnete, dass es die Personen gäbe, jedoch ihre Familiennamen verändert worden seien. Ich fragte ihn, ob auch er in dem Roman Crazy vorkommt, worauf er dies bestätigte und sagte, dass er der Erzieher von Benjamin Lebert gewesen sei. Im Roman hieß Leberts Erzieher Lukas Landorf, in Wirklichkeit trägt er den Namen Lukas Locher, also auch hier stimmt nur der Vorname. Ich befragte Herrn Locher auch bezüglich dieser Nacht im Roman, in der Lebert und seine Freunde nach München gefahren sind, worauf er mir versicherte, dass dies mit Sicherheit reine Erfindung sei. Plötzlich fiel uns Herrn Lochers weibliche Begleitung ins Wort und meinte, dass auch die Nacht, die in dem Buch so genau beschrieben ist, nicht stimmen könne, da es für Benjamin ja unmöglich gewesen sei die Feuerleiter hinaufzuklettern. Sie meinte damit die Nacht, in der Benjamin mit seinen Freunden in den Mädchenstock hinaufgeklettert war. Auch Herr Locher bestätigte dies.
Ich lenkte nun unser
Gespräch in eine etwas andere Richtung. Ich wollte von Herrn Locher wissen, ob er die Artikel im "Stern" und im "Spiegel" kannte, und ob auch hier im Schloss Neubeuern selbst recherchiert worden war. Er versicherte uns, dass es noch kein Reporter der Mühe wert gefunden hätte, hier vor Ort zu recherchieren, doch er bestätigte die Kenntnis von dem Artikel im "Stern" und meinte eher abfällig, dass dies wahrscheinlich auf Benjamin Leberts Vater zurückzuführen sei, der in München ein ziemlich einflussreicher "Zeitungsmensch", wie Herr Locher es ausdrückte, sei. Damit wollte ich mich natürlich nicht zufrieden geben. Deshalb kam ich noch einmal auf Benjamin Lebert selbst zu sprechen. Locher erzählte uns, wie verletzlich und schutzbedürftig Benjamin Lebert gewesen sei, wie sehr er durch seine Behinderung im Umgang mit sich selbst und anderen gelitten hätte, und dass er, Locher, es bezweifelte, dass Benjamin je bei einem Streich dabei gewesen war, da er sich sehr selten überhaupt an etwas beteiligt hätte und wenn, ganz sicher nicht an der Spitze gestanden wäre, da er von Natur aus eher introvertiert und ängstlich wäre. Die letzten paar Minuten unseres Gesprächs brauchte ich Herrn Locher gar nichts mehr fragen, denn er erzählte immer lebhafter und ausführlicher von seinen Eindrücken und Erinnerungen. Eine letzte Aussage von Herrn Locher, die ich für diesen Bericht für sehr wichtig erachte, möchte ich an dieser Stelle noch anführen: Er sagte, dass sich der Direktor des Internats, das gesamte Lehrerkollegium und natürlich besonders er selbst nach dem Erscheinen des Buches eigentlich wie vor den Kopf gestoßen fühlten, da es mit Benjamin Lebert disziplinär eigentlich nie Probleme gegeben und man sich eigentlich sehr um ihn bemüht hatte, was in seinem Roman nicht zum Ausdruck komme.
Wir bedankten uns noch einmal sehr herzlich bei Herrn Loch
er, der ein sehr netter Mensch zu sein schien, dem seine Zöglinge sehr am Herzen zu liegen schienen, verabschiedeten uns und traten die Heimfahrt nach dem zirka zwölf Kilometer entfernten Rosenheim an.

16. Mai 1999

Nachdem wir gefrühstückt und gepackt hatten, bedankten Michael und ich uns noch bei Michaels Cousin Walter für das gelungene Wochenende, verabschiedeten uns, und um ungefähr elf Uhr traten wir die Heimfahrt nach Pulkau, wo unsere Reise ursprünglich begonnen hatte, an.
Proseminararbeit an der Universität Wien im August 1999

_crazy_benjamin lebert_tb 1999, verlag kiwi_ ISBN 3462028189