herbert maurer: pannonias zunge

text: mich

Daß die Zunge einen der vielleicht maßgebenden menschlichen Körperteile zu Zwecken des Gesangs darstellt, ist ja hinlänglich bekannt. Daß ein Pannonier, ein gewisser Joseph Haydn, aber noch ganz andere Methoden und Techniken zur vollständigen Durchinstrumentierung und Harmonisierung von Sängern, Musikern und naturgemäß ihm selbst entwickelt hat, wußte bisher nur Herbert Maurer.

In wissenschaftlicher Weise, gestützt auf Briefwechsel, erkenntnistheoretische Schriften und wissenschaftliche Publikationen, auf die in unzähligen Fußnoten verwiesen wird, erzählt uns Herbert Maurer wie das nun so ist, wenn man sich als im heimatlichen Pannonien verwurzelter Komponist zuerst die eigene Natur und dann die der Musiker und Sänger in optimaler Weise zunutze machen kann. Daß der Kirschbaumbestand erst einmal gerodet werden mußte, da die Pannonier alles Senkrechte verabscheuen – ergo Waagrechtfetischisten sind, und sich erst dadurch der Neusiedler See bilden konnte, ist nur eine fast unbedeutende Nebenerscheinung, obwohl die Pannonier das Schwimmen als eine Alternative zur Technik des "waagrechten Laufens" kennen und lieben gelernt haben. So legt Haydn bewußt senkrechtfeindlich seine Musiker auf ihre Rücken sternförmig um den Dirigenten, dessen musikalische Anweisungen sie über Spiegel verfolgen. Ob es jetzt das Fieber von Musikern, die Bedeutung der Behaarung von Sängerinnen, das Musizieren unter der Erdoberfläche et cetera ist, mit dem sich der Komponist in der Zeit, in der er nicht die Technik des pannonischen Querschlafes ausübt, beschäftigt, Herbert Maurer vermag es, ebenso meisterhaft und glaubwürdig Versuche und Erkenntnisse Haydns genial erstunken und erlogen zu komponieren.

Maurer, Herbert: Pannonias Zunge. Berlin: Berlin 1999