:/dämonen aus dem unbewussten
austreiben/ernst molden

text: weber

"Ihre Hoden sind vollkommen entleert. Ich meine wirklich vollkommen. Mein Kollege hat erklärt, Sie müßten in kürzester Zeit etwa 15 bis 20 Mal ejakuliert haben, um einen solchen Zustand zu erreichen." Wie das funktioniert haben soll, können sich weder der diensthabende Arzt im Wiener SMZ-Ost, noch sein Kollege, noch sein vollkommen besoffener Patient vorstellen. Letzterer, der berühmt-berüchtigte Radiomoderator Joe Eid, wollte es sich ein paar Stunden zuvor mit einem Doppler Wein in den Donauauen gemütlich machen. Jetzt kann er sich an nichts mehr erinnern: sein Schädel brummt und woher der Unterdruck zwischen seinen Beinen kommt, bleibt ihm das ganze Buch über ein Rätsel. Gegen den Rat des Arztes macht er sich auf den Weg ins Studio, wo er, live on air, vollkommen ausrastet. Während ganz Wien unter einer Hitzewelle leidet, verbringt Joe den Sommer gefesselt in der Psychiatrie...

Der letzte Sommer des Jahrtausends ist ein Jahrtausendsommer. Die Hitze treibt die Menschen aus der Stadt, viele suchen Abkühlung an den Altwässern der Donau. Die Beamten der Kripo jedoch haben keine Zeit sich im Gänsehäufel die Sonne auf ihre Bäuche scheinen zu lassen. Hitzeferien gibt es keine, denn die Sonne scheint der Bevölkerung zu sehr zuzusetzen. Eine Serie von mysteriösen Amokläufen sorgt für Aufregung – und die Polizei kommt immer ein paar Minuten zu spät. Es ist ein Scheiß-Job, den Kommissarin Mimi Sommer und ihr strafversetzter Kollege zu erledigen haben. Wo anfangen? Die Täter können sich an nichts mehr erinnern, sind zumeist nicht einmal ansprechbar ... Den Lesern geht es da um einiges besser. Sie wissen von Anfang an, was Mimi erst langsam dämmert: die Täter sind zugleich auch die Opfer. Der eigentliche Täter ist ein mächtiger Dämon aus alten Zeiten; ein "Vampir", der es nicht auf das Blut seiner Opfer abgesehen hat, sondern auf ihren Willen. Über die größte Schwäche der zumeist männlichen Opfer, den Sexualtrieb, bringt er sie unter seine Kontrolle. Hat er sich erst einmal ihrer Körperhüllen bemächtigt, macht er sie zu Werkzeugen seiner Rache. Ihrer Rache eigentlich, denn genaugenommen handelt es sich um einen weiblichen Dämon, der nach Jahrhunderten in der Versenkung wieder auftaucht. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn verbracht hat sie die meiste Zeit über am Grund des blauen Stroms. Auch der Bevölkerung ist sie eigentlich keine Unbekannte. Trotz ihrer viele Generationen überdauernden Abwesenheit ist sie den Menschen im Gedächtnis geblieben. Als Sagenfigur, als das Donauweibel...

Es ist Molden hoch anzurechnen, dass er erst gar nicht auf die Idee kommt, mit gängigen Vampir-Klischees zu kokettieren. In "Austreiben" schleicht sich kein düster-eleganter Ladykiller durch Ruinen oder aufgelassene U-Bahnsysteme.
Um eine Mogelpackung handelt es sich trotzdem nicht, wenn auf dem (übrigens sehr ansprechend gestalteten) Bucheinband ein "Vampir-Roman" angekündigt wird. Moldens Vampir ist kein Dracula und kein Fledermausmensch. Stattdessen führt er den Vampirbegriff zu einem seiner möglichen Ursprünge zurück. Der Angst vor dem Unerklärlichen, der Macht des Irrationalen über die Menschen. Die Menschen spüren diese Macht. Deswegen hüten sie sich davor, das Territorium des Dämonischen, die Au, zu betreten. Diese unbewusste Abneigung führen die Menschen auf Schwärme der Gelsen, der lästigen Blutsauger, zurück, und hier schließt sich der Kreis.
Molden romantisiert das Böse nicht. Beschreibt er Böses, dann tut er das auch wirklich böse, dann ist die geschilderte Welt auch wirklich gemein. Wirklich gemein – logisch, dass das Lesen dann nicht immer angenehm bleibt.
So lässt sich auch das Urteil der Tageszeitung Kurier erklären, dem zu diesem Buch nichts anderes einfällt, als eine Kritik an der "derben Sprache". Nur spricht hier nicht der Autor, sondern seine Charaktere...
Dass in "Austreiben" im Gegensatz zum Gros der zeitgenössischen Romane vieles irrational bleibt und sich nur aus dem dämonischen Zusammenhang heraus erklären lässt, verwirrt zuerst, hat dann aber entscheidend Anteil am Reiz dieses Buches. Molden ist ein überaus geschickter Erzähler aber auch ein konsequenter Handwerker. Inhaltlich schade bleibt, dass er seinen Lesern so wenig über den Exorzismus - den der Titel ja eigentlich verspricht – erzählt, und: dass Molden die Handlung im Sommer 1999 angesiedelt und "Austreiben" somit ein nicht notwendiges "Ablaufdatum" verpasst hat. Freude besteht aber ob der vielversprechenden Ankündigung, denn: "Die Mimi Sommer kommt garantiert wieder!"

Ernst Molden: "Austreiben" Vampir-Roman. Deuticke, Wien 1999