:i/view mit ernst molden

interview: thomas weber



Vor Deinem Vampirroman hast Du zwei Romane geschrieben: "Die Krokodilsdame" und "Biedermeier". Aber "Die Krokodilsdame" wird weder im Klappentext zu "Austreiben", noch in der Presse-Info erwähnt. Stimmt es, dass Dein Verlag das Buch aus Imagegründen eher verschweigen möchte?

Die Reaktionen auf "Die Krokodilsdame" waren damals sehr ambivalent. Manche haben das Buch einfach überhaupt nicht gepackt. Es ist halt ein semi-pornographischer Roman. Von meinem damaligen Verlag, Knaus [gehört zu Bertelsmann, Anm.], wurde das auf "saftig" herausgebracht und vermarktet. Kurz nach der Auslieferung haben sich dann aber gleich Leser über das Buch beschwert. Schließlich ist die Situation eskaliert und ein Buchhändler hat einem Vertreter von Bertelsmann das Buch physisch um die Ohren gehaut. Von da an gab’s vom Verlag keine Werbung mehr für meine "Krokodilsdame".
Mein Traum ist es ja, die Krokodilsdame als Taschenbuch wieder neu herauszubringen. Davon gibt’s ja keine neue Auflage mehr und nur mehr Restexemplare.

Ich verstehe ja nicht so ganz warum nicht von manchen Büchern überhaupt nur Taschenbuchausgaben gedruckt werden. Vor allem ein jüngeres Publikum könnte dadurch viel leichter an die billigeren Bücher herankommen.

In Amerika ist das ohnehin oft der Fall. Bei uns ist es ein bißchen ehrenrührig für einen Autor, wenn ein Buch nur als Taschenbuch herauskommt. Außer einer ist jetzt ein ausgesprochener Krimiautor. Ich denke da jetzt zum Beispiel an Wolf Haas. Dann ist das etwas anderes.
Literarisch belletristische Texte, Romane und Erstlingsromane erscheinen bei uns prinzipiell im Hardcover. Dabei hätten sie als Taschenbücher möglicherweise eine größere Verbreitung. Das ist einfach eine Kohlefrage. Mein Verlag versucht gerade, "Austreiben" und "Biedermeier" im Paket an einen Taschenbuchverlag zu verkaufen. Da gibt es aber noch nichts genaueres.

Zurück zu "Austreiben". Das Buch handelt 1999, wozu dieses nicht notwendige Ablaufdatum? Glaubst Du nicht, dass die Motivation, "Austreiben" in zehn Jahren lesen zu wollen, dadurch ordentlich sinken könnte?

Es kann schon sein, dass Leute möglicherweise in dieses Printmedien-Denken verfallen. Aus verkaufstechnischen Gründen hätte man das vielleicht berücksichtigen müssen. Für mich war das Schreiben aber ein echter Trieb. Du fängst an, Dich mit Literatur zum Thema Donauweibel, zu beschäftigen. Du forschst nach, in welchen Perioden dieser Mythos in Österreich und in Wien aufgetaucht ist. Warum und von welchen Leuten er tradiert worden ist... Dann hab‘ ich mich monatelang mit dem Rad in der Lobau herumgetrieben und hab‘ dort die Leute beobachtet, wie sie sich in dieser Umgebung verhalten. Das heißt, dieses Buch ist für mich 1999.

Wo schreibst Du? Auch in der Au?

Eigentlich schreib‘ ich Zuhause. Aber ich hab immer ein kleines Diktiergerät mit. Darauf spreche ich immer wieder Ideen, ganz abgehackt, ganz roh und ganz zerstört. Zuhause tippe ich das dann eins zu eins ab und aus diesen Protokollen werden dann die Wirbelsäulen der ganzen Geschichte.


Wie lange hast Du an "Austreiben" geschrieben?

Sieben Monate. Vorbereitet hab‘ ich es ca. ein halbes Jahr und dann hab ich nochmal drei, vier Monate durchgeschrieben. Darauf ist glaub‘ ich auch der Sog beim Lesen zurückzuführen, dass es einen richtig Durchzieht. Das geht nur, wenn man auch in einem durchschreibt. "Die Krokodilsdame", die über mehr als drei Jahre entstanden ist, ist deshalb auch viel vielschichtiger und zerrissener.
Bei "Austreiben" wollte ich das. Ich wollte diesen Sog erzeugen.

Die Aulandschaft zeiht sich durch alle Deine Bücher.

Das ist eines meiner Grundmotive. Wien als Stadt ist sicher in allen meinen Romanen ein Thema und vielleicht sogar ein Leitmotiv. Der Dschungel in der Lobau, diese undurchdringliche, trübe, schwarze, sumpfige Gegend, ist ein Pendant zum Verdrängen, das hier passiert.
Ich vertrete den Standpunkt, dass der Wiener seinen Fluss nicht nur nicht mag, sondern auch fürchtet. Wenn Du Wien mit anderen mitteleuropäischen Städten vergleichst, zum Beispiel Prag oder Paris, da gibt’s in beiden Fällen ein reges Kulturleben am Fluß, an der Seine und an der Moldau. Wien ist davon nur ein trauriger Abklatsch. Da gibt’s die Donauinsel, die ist aber sehr dezentral und fast so etwas wie ein Disneyland – hermetisch abgeschnitten. Am Donaukanal, der ins Zentrum führt, ist alles dürftig und betoniert. Außer dem Flex gibt’s dort nichts. In keiner anderen Stadt sind Flüsse dermaßen in ein Steinbett gerängt – und zwar schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Auf der anderen Seite gibt es ein erstaunlich naturbelassenes Gebiet in der Lobau. Dieses Undurchleuchtete, die versteckte Begierde, von dort kommt das Irrationale, das tiefenpsychologisch Verdrängte, der Dämon. Wenn Wien eine Seele ist, dann ist die Au das Unbewußte.

"austreiben" vampir-roman.deuticke, wien 1999