"morgenstern am abend"
gert fröbe rezitiert christian morgenstern

text: besh

Als Karl-Gerhart Froeber im September 1988 starb, erinnerten sich die meisten an einen Großkriminellen mit Liebe zum Pferdesport und fleischigem Gesicht, der sich – 4, 3, 2, 1...Huuu, geschafft -, gerade noch aber doch James Bond, mit den Gesichtszügen Sean Connerys, geschlagen geben musste. Daß Gert Fröbe in insgesamt über hundert Filmen mitspielte und darstellte, ist auch noch im Rahmen des als bekannt Voraussetzbaren. Die Karriere des in der Tristesse der Vorwährungsreformzeit heranwachsenden Schauspielers begann allerdings – für die Zeit und für den Beruf wahrscheinlich gar nicht so untypisch – in einem heruntergekommenen Ortskinosaal in Sachsen. Dort inszenierte er gemeinsam mit einem Freund sogenannte &Mac226;Bunte Abende‘. Dafür ließen sich die beiden vom Publikum mit Naturalien (Eintritt: 1 kg Zucker oder 1 l Himbeersaft) bezahlen. Dieser Freund (Werner Bochmann) war es auch, der den damals 36jährigen Karl-Gerhart auf Christian Morgenstern aufmerksam machte, ihn ihm regelrecht aufdrängte. Also setzte er sich hin, las, probierte und verstand offensichtlich auch, denn das Tiergedicht "Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst" beispielsweise blieb über Jahrzehnte in seinem Stammrepertoire.
Was akustisch von diesen Christian Morgenstern-Interpretationen geblieben ist, kann man nun käuflich erwerben. Leider aber auch nur noch zur Hälfte genießen – zu der Hälfte, die zum einen Christian Morgensterns impressionistischen Tiergedichten, und zum anderen der Kraft und Formbarkeit von Gert Fröbes Stimme zukommt. Mimik und Gestik lassen sich anhand der Publikumslacher nur mehr im Nachhinein rekapitulieren. Trotzalledem bleibt die pralle, vor Leben nur so strotzende Atmosphäre erhalten: Wenn etwa Fröbes tiefe kehlige Stimme zum dünnen Hauch einer sterbenden Kerzenflamme mutiert, oder ein minutenlanges Rrrrrr.. das Dröhnen der Meeresbrandung in das Mikrofon schwappt und rollt. Nur bei "Fisches Nachtgesang" herrscht - wie könnte es auch anders sein – Stille.

(klein & aber records)