// ein schiff verzaubert - frederic mortons "das zauberschiff"

text: susanne

Frederic Mortons teilweise autobiographischer Roman "Das Zauberschiff" bietet dem Leser eine Überseereise der Extraklasse ins Reich der Kleinkrämer und der großen Seelen, der Liebenden und der Verschmähten, der Schuldigen und Unschuldigen - kurz: in ein Sammelsurium der Menschlichkeiten. Die Passagiere des niederländischen Luxusdampfers Syngdam sind Flüchtlinge und Heimkehrer; die Ersten verlassen das vom Zweiten Weltkrieg und Naziterror gebeutelte Europa und retten nichts als ihr Leben, die Zweiten haben nach dem bisschen Heimat oder excitement gesucht, das ihnen Amerika nicht bieten konnte. Zwischen ihnen allen entstehen Bekanntschaften, Lieben und Feindschaften, die nur für die Dauer der Reise Bestand haben werden, jedoch von hoher Intensität sind.
text: falk

Da wären Frau Schwabauch, dick, nicht mehr schön und nicht mehr jung, deren Ideen ("Dieser ganze Naziwahnsinn kommt nur von einer Verfälschung der deutschen Eßgewohnheiten.") weniger die Männerwelt faszinieren als die Schweizer Franken an ihrem Busen und Herr Meyerhaas, einsam Aufrechter, geplagter Vater, Flüchtling, der sein Leben dadurch zusammenhält, dass er Regeln befolgt, die nur er zu kennen scheint - die Etikette!
Ein wahnsinniger Reverend, eine erotische Professorin namens Lenore, Hollywoodmagnaten nebst Anhang, die alternde Schönheit Ceil, der einbeinige, schwarze Tänzer Mr. Lawton, ein Baron, drei junge Männer mit dem festen Willen, etwas zu erleben, das möglichst erotisch sein sollte und Leon, ein 19jähriger Flüchtling, der innerhalb von acht Tagen Liebe und Sex nicht bei der gleichen Frau findet und wieder verliert.
All diese Figuren beginnt Morton zu skizzieren, anzudeuten, dem Leser höflichst vorzustellen, um dann in einem humoristischen Feuerwerk das Spotlight auf seine Kreationen zu richten und sie zu durchleuchten und vor dem Leser bloßzustellen, in ihrer ganzen wunderbaren, fehlbaren Art.
Es geht dem blinden Passagier Leser ebenso wie den Figuren: er zittert ums Überleben, als Deutschland die Niederlande während der Überfahrt überrennt und die Syngdam, von feindlichen U-Booten umschifft, ihren Weg durch den Atlantik finden muss. Er sorgt sich mit ihnen um ihre Zukunft, die von dem Verlust der Identität, von Armut und Unsicherheit geprägt sein wird. Er liebt und vögelt mit Leon seine Professorin, während er sich in Wahrheit nach dem amerikanischen Mädchen per excellence namens Billy sehnt.
Morton entwickelt Figuren und nimmt dem Leser die Distance, er zaubert und entzaubert zugleich, schafft kleine Helden wie Leon und macht aus ihnen am Ende doch wieder das, was sie in Wahrheit sind: Reisende, ein wenig einsam, ein wenig ängstlich und mit der Sensucht nach Liebe und Glück im zukünftig leeren Magen. Er tut dies alles in einem malerischen, ausdrucksvollen Sprachstil, die mit Sicherheit eine dankbare Übersetzung durch Karl-Erwin Lichtenecker erfahren hat, und schafft so ein Werk, das dem Leser ebenso auf der Zunge zergeht ein Mignon der Frau Schwabauch.
Dass der Roman bereits vierzig Jahre alt ist und erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde, nimmt ihm nichts an Charme oder macht ihn für heutige Leser unnahbar. Im Gegenteil: Mortons Zauberschiff liest sich wie ein wundersames Konfekt der anspruchsvollen Unterhaltung.
Der Autor wurde 1924 als Fritz Mandelbaum in Wien geboren, emigrierte dann mit seinem Vater 1940 auf einem niederländischen Luxusdampfer in die USA und arbeitete dort zunächst als Bäcker, fand jedoch schon bald den Weg zur Literatur. Morton schrieb zahlreiche Bücher (darunter die international erfolgreiche Biographie Die Rothschilds) und lebt heute als freier Schriftsteller in New York.

Frederic Morton, Das Zauberschiff, Deuticke, Wien, München, 2000. (ISBN: 3-216-30469-8; öS 248,-)
(Erstausgabe: Frederic Morton, The Witching Ship, Random House, New York, 1960.)