:  placebo. ichwerdegefallen :

Ein Satz ist mir entglitten - vielleicht fange ich noch die Scherben auf. Oskar Werner

Und ich knie mich nieder und strecke ihm die Hand entgegen. Spüre, wie er sie ergreift. Ich möchte seine Hand zerkratzen. All meine Wut aus dem Bauch holen, Finger zusammenkrampfen und jeden einzelnen meiner Nägel in seine Handfläche bohren. Von der Handwurzel bis zu den Kuppen kleine Furchen ziehen. Lebenslinie zerstören.
Sekundenträume. Das innerliche Verlangen, die Dimension zu sprengen. Sich verlieren, sich dem Wahnsinn zu verborgen. Während der Fahrt die Autotür öffnen oder nicht aufhören, wenn es weh tut. Hemmschwelle und Schmerzpegel wissentlich übertreten und erhöhen. Stecknadel und Glaskopf. Ich rolle die winzige Kugel zwischen den Fingern hin und her und nehme es zwischen Daumen und Zeigefinger, steche zu. Quetsche langsam die Spitze der Nadel der Hornhaut entgegen, drücke zu und sie reißt. Durchdringe die vordere Augenkammer und bleibe in der Pupille stecken. Stecknadeln schauen aus Augen heraus und starren mich an. Pingpong. Ein Gedanke wird ins Spiel gebracht. Wird geworfen, geschlagen und verworfen. Ein Gedanke jagt den anderen, einer will gewinnen - den anderen ausstechen.
Ich kann dich nicht mehr sehen, drum steche ich dir die Augen aus.
Ich ziehe ihn zu mir. Nehme meine zweite Hand zur Hilfe, stehe auf und sehe, wie sein Handgelenk und die Schulter eine Linie bilden. Warte fast schon, daß es knackst, daß der Arm auskugelt. Einfach das Gelenk um dreihundertsechzig Grad drehen; auslösen wie ein Stück Knochen, tranchieren - kunstgerecht zerlegen. Oder ruckartig zurückspringen, den Arm mit sich reißen - aus der Pfanne lösen, um in der Hölle zu braten.
Die Sprengung aller Ganglien. In mir steigt das Verlangen die Grenzen zu durchschreiten. Kann kaum mehr klar und nichts mehr zu Ende denken. An jedem Gedankenende steht ein Joker und lacht hysterisch. Lacht mich in den Wahnsinn ein und tanzt um mich herum. Die Realität ist unauffindbar, keiner sagt, wo sie ist. Sehe keine Möglichkeit etwas zu ändern, will mich selber verlassen. Kann nicht denken, drehe mich im Kreis und alles um mich. Lauter kleine Clowns, die mit einer Fratze hämisch lachen und mich von der Kante stoßen. Bin nie allein, will so schnell sein, daß sie nicht nachkommen. Sie ist er, bist du. Er ist jeder. Muß alleine sein und werden.
Den Griff des Messers fest in meine Hand gedrückt, in die Faust einschließen. Zustechen und nicht aufhören, bis es genug ist. Genug für meine Ewigkeit, denn es gibt nur eine Chance. Kein noch einmal. Jetzt oder nie mehr. Eindringen, wo niemand anderer zuvor war und sein wird. Oneway-Ticket und dann ist alles wieder gut.
Und plötzlich ist alles rot. Purpur, zinnober und rosa. Gelb bis zum Erbrechen. Wo früher alles fest war, ist nur mehr Flüssigkeit. Aufklaffendes Hell und Dunkel. Croupier des Lebens. Rien ne va plus.
Sanft und vorsichtig anritzen. Sehen wie Haut nachgibt und Blut der Spur hinterher läuft. Kleine, fette Tropfen quellen aus dem Schnitt, verlaufen. Wie schmeckt Blut, das nicht dein eigenes ist? Wie salzig sind deine Tränen?Habe dich und es vor Augen. Wie es gewesen sein könnte, aber doch nie war. Dort, wo du nie hinkamst und wolltest, da bist jetzt du. Wo ich mich versteckte, lebst jetzt du. Und es wird sein, wie es zuvor nie war. Keine Spielregeln. Nur einer kann gewinnen. Und ich werde der Sieger sein, egal was passieren wird, du hast bereits verloren.
Dann ist es so als wäre und manchmal tue ich so als ob. Aber ich kann dich nicht mehr sehen. Verschwunden bist du, in Einzelteilen verloren gegangen.
Den Absprung zur Realität versäumt, nicht eingestiegen. Es schnürt mir die Kehle zu. Kein schlucken hilft mehr, es kommt immer wieder hoch. Egal was du gedacht hast, ich denke weiter.
Staffellauf der Existenz. Man erkennt nicht, was innerlich am Verfaulen ist. Rosige Zeiten, während die Minuten absterben. Sekunde für Sekunde dem Ende näher.
Erosion der Seele. Sieben Leben hat eine Katze, wieviel Schalen eine Zwiebel? Wieviel Schritte waren es zu dir, bis ich dein Inneres sehen konnte? Wieviel Zeit hätte ich mir nehmen müssen, wie lange anstellen, bis ich an der Reihe gewesen wäre? Freispiel ohne Einsatz. Ein Buschen voller Korkenzieher. Jedes einzelne Haar verbündete sich zu Strähnen, verdrehte sich um die eigene Achse bis zur Spitze. Um den Finger wickeln. Spiralen. Schneidete man sie ab, würden sie alleine stehen?
Nie konnte man sie zerteilen, durchkämmen.
Ich wollte mit meinen Händen durch sie hindurch fahren, wie durch deine Gedanken, doch ich kam nicht hindurch. Undurchdringbar. Undurchschaubar.
Um sie zu einem Ganzen zu binden, mußte man akzeptieren, daß man sie nicht durchtrennen konnte. Ich habe sie vergöttert, dich um sie beneidet. Ich wollte diese Haare, immer wollte ich dich. Dazu. Wollte sie ordnen, flechten und durchwühlen.
Nie war die passende Zeit dafür. Was von innen verfault, kann von außen nicht repariert werden. Monolog meiner Gefühle. Du hast mir nie etwas gegeben, jetzt ist das alles was ich habe. Ich rieche dich, deine Zigaretten und atme dich ganz in mich auf. Atme aus und gebe dich frei. Nun kann dich jeder haben.
Legitimität zu töten, was nicht leben darf.
Die Zeit ist gekommen. Ist spürbar ohne Ankündigung und klopft leise an die Hintertüre.
Eine Flucht nach vorne?
Ein Eingeständnis, dich nie besessen zu haben, nur okkupiert?
Ich spüre wie Ecken rund werden, wie spitze Gedankenblitze im Gewitter untergehen und leise verblassen.
Und es ist still. Dynamisch. Im Duo. Spannungsvoll. Geräuschlos.
Eine Zelle teilt sich. Laut und leise trennen sich und es beginnt. Nur Stille allein kann die Basis für Lärm sein. Was Lärm unterdrückt, gedeiht im Lautlosem. Lautlos durch die Zeit. Und Raum.
Lautlos heißt nicht leise. Lautlos zwischen Lauten. Lautlos dort, wo es Laute gibt. Leise Laute zwischen lautlos und still wo es nichts mehr gibt.
Wohin mit ihm, mit all dem Anhang, der jetzt so nutzlos geworden ist? Inflation der Emotion. Ich nehme seine Schuhe von den Füßen und werfe sie in einen Plastiksack. Reiße seine Kleidung vom Körper und kann sie kaum wieder loslassen.
Was das Herz ins Kochen bringt, kühlt der Atem ab.
Alles sackt in sich zusammen, das Gerüst der Triebe stürzt ein. Vor dir sitze ich und halte mein Bettelschüsselchen dir entgegen. Gib etwas hinein und lasse mich frei. Etwas Neues, etwas Altes, etwas Geborgtes und etwas Blaues.
Wie kann man sich nur an so ein Arschloch verlieren?
Der innere Zwang, etwas zu besitzen, daß nur schaden kann, läßt sich durch Vernunft wohl nicht bezwingen. Löschen was schon lichterloh brennt ist aussichtslos und fügt Schmerz zu. Schmerz, den man sich nicht verdient haben will. Einmal soll es einem gut gehen. Allein einmal an erster Stelle stehen, ohne wenn und aber. Eine brodelnde Zuversicht steigt auf und besitzt die Kraft, alles aufschäumen zu lassen. Gischt erbricht sich an die Grenzen.
Die Kontaminierung der Seele erfolgte schleichend. In einem Moment der Unaufmerksamkeit hast du mich eiskalt erwischt. Ich habe dich nicht gewollt. Die Stille stürzt auf mich ein, sucht sich ihren Weg und geleitet mich zum Irrsinn. All die Lautlosigkeit birgt ein Vakuum, daß mir das Atmen fast verwehrt. Jede Handlung wird so langsam, so wertvoll wertlos.
Am liebsten schreien, Risse in die Hülle schneiden mit der Stimme, die nur ich jetzt höre. In einer Lebensecke zu krepieren, war für dich gedacht, nicht für mich. Ich bin befreit von deiner Kreatur und bin trotzdem wie gelähmt. Meine Hände sind voll von Blut. Selbst unter den Nägeln klebt dein Leben. Jeder einzelne Finger ist umhüllt von deinem Körper und hält sich fest an mir, will bei mir bleiben. Doch das will ich nicht mehr - brauche ich nicht mehr. Ich schmiere dich in deine Kleider und stopfe sie zu den braunen Schuhen. Als er starb, war nichts verändert. So unwichtig war er, denn die Statistik geht auf den einzelnen nicht ein. Er war der Welt egal.
Ich springe auf und kann kaum das Gleichgewicht halten, fange mich mit linken Hand auf, in der rechten ist das Messer. Ich stehe und lasse ihn so liegen, wie ihn seine Existenz verlassen hat. Öffne meine Finger und aus ihnen fällt das Messer in den Sack.

Die Straßenbahn fährt ihren monotonen Weg. Der Wind schlägt Regentropfen gegen die Wagonscheiben, sie zerplatzen und fließen dem Boden entgegen. Ein Rucken deutet jede Haltestelle an, ein Stehenbleiben beweist es.
Zeit vergeht, kommt nie mehr wieder. In der Vergangenheit kennt man die Zukunft noch nicht. Weiß nicht, daß die beste Zeit des Lebens bereits hinter einem liegt und nie wieder kommen wird.
Mein Körper fühlt sich unendlich schwer an. Ich möchte nicht aufstehen, nicht zum Ausstieg gehen und schon gar nicht aussteigen. Die Lichter der Autos, der Häuser und der Straßenlaternen dringen nur verzehrt in das Innere der Bahn. Geräusche klingen wie schlechte Synchronarbeit, so unpassend. Der Regen erzeugt den ermüdenden Beat, der alles umhüllt. Mir gegenüber sitzt eine Frau mit roten Haaren. Wie unpassend, grau hätte mir jetzt besser gefallen. Diese Haarfarbe erscheint wie ein schriller Ton in der Stille. Ein Tinnitus in der Ewigkeit.
Dazu Perlenohrstecker, ein klassisches Wolltwinset der billigen Art und Jeans. Diese Pullover mit passender Weste sind ja jetzt sehr modern. Zwanghaft brav und bieder. Prädikat weiblich. Ich kann sie nicht leiden. Womöglich auch noch in Pastelltönen.
Das Bild der Frau frißt sich in meinen Kopf, prägt sich ein, wie eine Fotografie. Unwahrscheinlich wie schnell man sich Unnützes merkt. Die wichtigen Dinge verschwinden rasch, unbemerkt. Kaum im Vorraum des Gedächtnis, schon zur Hintertüre wieder hinaus. Kein Adios, kein bye-bye, ein stummes Verlassen, daß eine Lücke hinterläßt, so daß nur noch ein leerer Raum mit unleserlichen Türschild bleibt. Da war etwas, doch was war es noch einmal?
Man ernährt ein ganzes Hirn und verwendet doch nur einen Bruchteil. Man unterhält ein ganzes Unterbewußtsein und kennt allein nur ein kleines Stück.
In den Hautfalten meiner Finger entdecke ich eingetrocknetes Blut. Ich ziehe die Manschetten meines Cordhemdes reflexartig darüber, doch eigentlich weiß ich, niemand würde es bemerken.
Die Twinsetdame starrt aus dem Fenster, abwesend, die Beine verschränkt und ihren Rucksack unter ihren Händen. Jetzt erst entdecke ich die Ohrhörer des Walkmans. Mir fällt ein, daß ich seit Stunden mich nicht mehr im Spiegel gesehen habe. Ich weiß gar nicht, wie ich aussehe. Automatisch rubbele ich mit dem Zeigefinger unter meinen Augen, um die womöglich verschmierte Wimperntusche zu beseitigen. Schlagartig fällt mir ein, daß ich mein Kompaktpuder gar nicht eingesteckt habe und durchsuche in Gedanken meine Tasche. Shit. Ich habe es ganz sicher nicht eingepackt, mein Abdeckstift liegt auch noch im Badezimmer.
Mit Zeigefinger und Daumen wische ich meine Mundwinkel ab und spüre, wie sie brennen.