reprodukt 2000_reihe :


text: hilde

Wirklich brillant ist die R-24-Reihe von Reprodukt. Die winzigen Heftchen im A-6-Format bringen Perlen aus der französischen Indie-Comic-Szene. Herausragend sind dabei die beiden Stories von Lewis Trondheim, insbesondere seine völlig absurde Krimiparodie »Intriganten«. Hier wird der Plot so lange gewendet und verdreht, bis am Ende dem Bösewicht wirklich nichts anderes mehr zu sagen bleibt als: »Also ihr, ihr seid ja vollkommen pervers.«
Völlig ohne Dialoge kommt Trondheims Verwechslungskomödie »Diablotus« aus, angesiedelt in einem beinahe kontextfreien Setting, das nur marginale Ähnlichkeiten mit unseren Vorstellungen der Hölle hat. Das Problem dabei ist allerdings, dass die Zeichnungen aufgrund des Kleinformates nur mehr mit sehr guten Augen zu entschlüsseln sind.
»Omelett« ist die traurige Geschichte eines bescheuerten Emus, der es nicht schafft, seine Eier so zu legen, dass sie nicht sofort zerbrechen, und »Die Mutation« schließlich versucht sich in einem -- was sonst -- kafkaesken Szenario an einem Bürokraten, der allmählich sein Gedächtnis verliert und schließlich völlig ohne Erinnerungen in einer immerwährenden Gegenwart lebt bzw. nicht lebt. Allerdings leidet »Die Mutation« unter dem kaum zu übersehenden Einfluss von Jose Muñoz und Jacques Tardi, und die konsequente Aufspaltung jeder Doppelseite in Bild und narrativen Text verhindert das Entstehen eines offensichtlich intendierten düsteren, paranoiden Ambientes.
Und wiederum muss ich an dieser Stelle die liebevolle editorische Sorgfalt loben, die Reprodukt seinen Publikationen angedeihen lässt. Die winzigen Bände sind einfach schön.

Lewis Trondheim: Intriganten. Berlin:Reprodukt 2000.
Marc-Antoine Mathieu: Die Mutation. Berlin:Reprodukt 2000.
Jean-Christophe Menu: Omelett. Berlin:Reprodukt 2000.
Lewis Trondheim: Diablotus. Berlin:Reprodukt 2000.


: max: der lange traum des herrn t.

Eines Abends legte sich der der 40-jährige kaufmännische Angestellte
Cristobal T. zum Schlafen nieder und wachte erst 40 Tage später auf der Intensivstation eines Krankenhauses wieder auf. Herr T. hatte einen wirklich langen Traum, und das Comic des bekannten spanischen Zeichners Max ist dessen quasi-authentische »grafische Transkription«.
Auf den ersten 64 Seiten ist »Der lange Traum des Herrn T.« ein fabelhaftes Comic. Eine anfangs eher zufällig anmutende Sammlung von Szenen und Einfällen (basierend auf psychoanalytischem Standardinventar wie Zügen, Pferden, dem alles verschlingenden Meer oder Sex mit sich selbst) verdichtet sich allmählich zur Psychopathologie eines von der Zivilisation völlig verkrüppelten Durchschnittsmannes. Nur -- ich hätte es auch so begriffen.
Die letzten elf Seiten des Bandes, auf denen die Ursachen für Herrn T.s Trauma erhellt werden und sich schließlich die wiedervereinte, glückliche Familie seiner Persönlichkeit auf ein gemeinsames Bad in den Ozean begibt, sind wirklich vollkommen unnötig und zerstören viel vom Gesamteindruck des Comics.

Und das ist schade, denn Max' grafische Arbeit ist beeindruckend abwechslungsreich, und einzelne Episoden -- wie etwa die Geschichte von Su und dem Tiger vom Dach der Welt oder der Gastauftritt der Supermaus -- belegen, dass sich Max durchaus nicht nur im reichen Fundus Freuds bedient hat.
Ich würde dringend empfehlen, einfach nur die ersten 64 Seiten zu lesen und es mit den Famous last words des weisen Su bewenden zu lassen. Ehrlich.