tod & liebe

text: hilde

Es beginnt schon mit dem furchtbar prätentiösen Titel. Sowas macht man einfach nicht. Es zeugt von beinahe grenzenloser Anmaßung, die beiden zentralen Themen jeglicher Literatur so zu vereinnahmen und als inhaltliche Klammer für eine höchst heterogene Sammlung von mehr oder weniger gelungenen Kurzgeschichten zu missbrauchen.
Nach »Krieg und Frieden« und »Schuld und Sühne« jetzt »Liebe & Tod«? Nein, nein, nein. Denn es ist natürlich kein Roman, den uns Rosei hier präsentiert, auch wenn das der Verlag auf dem Schmutztitel behauptet. Und es sind auch keine »einander berührenden und durchdringenden« Texte, wie ich auf der Rückseite des Buches lesen durfte. Die einzige Gemeinsamkeit der Erzählungen besteht darin, dass sie sich -- richtig! -- um Liebe und Tod in verschiedensten Erscheinungsformen drehen. Amazing discoveries! Aber musste er deswegen gleich das Buch so taufen?
Also: Wir haben sieben Erzählungen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, abgesehen von den beiden »Landschaften«, die zweifellos zu den schönsten und elegantesten Abschnitten des Buches zählen. Hier scheint sich Rosei auf sein Gefühl für Poesie zu verlassen; frei fließend und assoziativ vermischen sich unterschiedlichste Realitäts- und Erinnerungsebenen zu einem durchaus beeindruckenden expressionistischen Wortgemälde. Der Rest sind eher konventionell gehaltene Geschichten, in denen nur mit groben Strichen charakterisierte Figuren in verschiedenen zeitlichen und geografischen Kontexten daran scheitern, mit ihrem Leben zurande zu kommen: ein ehemaliger KZ-Häftling und eine verblühende Schönheit im Wien der unmittelbaren Nachkriegszeit (»Gnadenlos«), ein seltsam blass bleibendes Geschwisterpaar ebenda (»Eine Seele«), ein von der Öffnung des »Ostblocks« profitierender Schieber mit wechselnd erfolgreichen amourösen Abenteuern und Geschäftsabschlüssen in den Metropolen Ost- und Mitteleuropas (»Don Juan in Mitteleuropa«), ein Bewohner einer lateinamerikanischen Favela (»Utopia«) und eine durch die nordamerikanische Provinz ziehende Gruppe von Live-Porno-Darstellern (»Liebe und Tod«).
Die Eröffnungserzählung »Gnadenlos«, die schon 1997 erstmals veröffentlicht wurde und nur zufällig in das Buch gerutscht zu sein scheint, und der Abschluss »Liebe und Tod« stellen dabei die größten Ärgernisse dar. Während in »Gnadenlos« der Autor damit nervt, dass er der Leserin vorab ankündigt, was er im nächsten Absatz zu tun gedenkt (»Wir nehmen uns jetzt einen Abend mit Doktor Rebl und Jilka vor.« -- »Wir kommen nicht umhin, unseren Schauplatz, die schöne Stadt Wien, ausführlicher ins Bild zu rücken.« -- »Eine Anekdote, die mit unserer Geschichte nur mittelbar zu tun hat, wollen wir jetzt erzählen.«), serviert er in »Liebe und Tod« einen Plot, der volley aus amerikanischen »Creative writing«-Seminaren übernommen zu sein scheint. Stewart O'Nan, Don DeLillo oder Tama Janowitz hätten daraus vielleicht eine halbwegs spannende short story gebastelt. Roseis bemühte Übernahme des amerikanischen Sprachduktus klingt jedoch ganz grauslich arrogant und oberlehrerhaft. Für Germanistik- und ähnliche Seminare bietet der Band aber jede Menge Stoff. Sollen sich doch Studentinnen der vergleichenden Literaturwissenschaft mit der immer wiederkehrenden Engelsymbolik auseinandersetzen oder mit der Frage, warum der Autor sich bemüßigt fühlt, seinen überaus fein geschliffenen Stil zwischendurch mit herben Vulgaritäten zu durchbrechen. Mich als Leserin interessiert das nicht so sehr.

Peter Rosei: Liebe & Tod. Wien:Deuticke 2000 ISBN: 3216305104