die zweite haut sonja rudorf ::..

text: hilde


Obacht, das wird ein Verriss. »Die 30-jährige Verena ist eine Diebin der besonderen Art: Sie stiehlt den Menschen ihre Gefühle«, ist auf dem Klappentext dieses Debütromans zu lesen. Die Alarmglocken schrillen, und nicht zu Unrecht. Wer alt genug ist, sich an die Fernsehserie »Timm Thaler« -- mit Tommi Ohrner in der Titelrolle -- zu erinnern, kann das ruhig tun. Verena ist also eine Gefühlsvampirin. Sie saugt nicht Blut, sondern zwingt ihre Opfer -- Männer wie Frauen -- in ein Abhängigkeitsverhältnis und bemächtigt sich deren Liebe, Wut, Verzweiflung, Leidenschaft. Dabei sind ihre Eroberungszüge schon auf den ersten hundert Seiten des Buches eher von Misserfolgen geprägt, und als ihr endlich der ehrgeizige, intrigante Anwalt Roland, die zweite Hauptfigur des Romans, über den Weg läuft, ist der Ofen überhaupt aus. Roland wiederum beschäftigt sich in der ersten Halbzeit damit, die Architekturstudentin Maischa zu verführen, was ihm aber nicht gelingt. Er ist auf der Suche nach einer repräsentativen Ehefrau, die ihm bei seinem gesellschaftlichen und beruflichen Aufstieg zur Seite stehen soll. Roland ist natürlich impotent und bezieht seine Vorstellungen von Romantik aus Groschenromanen und seine sexuelle Stimulation aus Pornovideos. Als dann die beiden durch Zufall -- überhaupt der Hauptakteur des Buches -- aufeinander treffen, sollen wohl so etwas wie Irritationen, Verwirrungen oder Risse in den jeweiligen emotionalen Schutzpanzern der Protagonisten entstehen. Tatsache ist aber, dass ab diesem Zeitpunkt die Handlung des Romans völlig zum Stillstand kommt und sich nur mehr in mühsamster Repetition erschöpft.

Das größte Problem von »Die zweite Haut« liegt darin, dass Sonja Rudorf abwechselnd aus der Perspektive von Roland und Verena erzählt, dies aber in der dritten Person und mit keinerlei Abstand zu ihren Figuren tut. Das führt dann zu stilistischen Grässlichkeiten wie: »Wie hatte er ahnen können, dass Samstagvormittag am Main Trödelmarkt war?« -- »Bis zum Konzert um halb zehn war noch jede Menge Zeit. Sollte sie sich noch eine farbige Bluse kaufen, die sie nicht so bleich wirken ließ?« -- »Genauso ihr Appetit. Wann hatte sie eigentlich das letzte Mal so richtig Lust gehabt, etwas zu essen? Es musste schon Wochen her sein.«
Wie überhaupt die Ausdrucksmöglichkeiten der studierten Germanistin Rudorf beschränkt zu sein scheinen. Über die Qualität der Dialoge soll an dieser Stelle gnädig der Mantel des Schweigens gebreitet werden, und die Beschreibungsversuche der Autorin holpern uninspiriert von Banalität nach Überdeutlichkeit und zurück: »Verena wusste, wie man rauchte, ohne high zu werden; sie nahm einige Züge, ohne wirklich tief einzuatmen, gab dann Markus die Pfeife zurück.« -- »Gut, dass sie sich alles gemerkt hatte. Sie drückte auf die 14, spürte ein leichtes Rucken. Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Im zweiten Stockwerk drängelte sich eine Traube Studenten in den Aufzug. Verena ließ sich an die Außenwand schieben, verfolgte die digitale Anzeige oberhalb der Tür. Als sie im vierzehnten Stockwerk waren, öffnete sich die Schiebetür, und sie fand sich auf dem Flur wieder.« Brrrr.

Es ist prinzipiell zwar lobenswert, dass die Neuerscheinungen des Rotbuch-Verlages nun nach neuer Rechtschreibung korrigiert werden, aber vielleicht sollten sich die Verantwortlichen ein Lektorinnen- und Lektorenteam suchen, das die Regeln auch beherrscht. Abgesehen von einem hin und wieder auftretenden »mußte«, was man ja noch als Schlampigkeitsfehler durchgehen lassen könnte, heißt es halt nach wie vor »spraytoupierte Haare« und »plastikbezogene Tische« und nicht »Spray toupierte Haare« und »Plastik bezogene Tische«. Und Wörter wie »Handinnenfläche« und »Bassstöße« oder Formulierungen wie »Sie legte eine CD auf« sind einfach peinlich. Bleibt also nur, auf einen besseren zweiten Roman zu hoffen.

Sonja Rudorf: Die zweite Haut. Hamburg:Rotbuch 2000