| : ein schlitten vielleicht ... :
von ferdinand mutterkorn Am Vormittag hatte er sich eine Kassette mit Lieblingsliedern aufgenommen. Klar, er hätte sich auch neunzig Minuten schenken können, aber er wollte wirklich wählerisch sein und nur wenigen, ganz besonderen Liedern die Ehre geben. Deshalb sechzig Minuten. Zwei, drei Stunden hatte er die Stadt schon hinter sich gelassen, die meisten seiner Lieblingslieder schon zum dritten Mal gehört, als er sich in seinem alten Wagen dem Bezirk näherte, in dem er vor einer halben Ewigkeit geboren worden war. Die Dieselanzeige hatte bereits den roten Reservebereich erreicht. Er war froh, die Stadt vergessen zu können. Und als er - ungefähr auf halbem Weg - eine kurze Pause einlegte, und, an den Kofferraum angelehnt eine Zigarette rauchend nach hinten blickte, da machte es ihn fast schon glücklich, daß es stark schneite und er, anders als sonst, seinen Aus-gangspunkt aus den Augen verloren hatte. So sehr er sich auch bemühte, kein Licht konnte er mehr ausmachen, das zu der Stadt gehörte, die sonst im vorweihnachtlichen Lichterglanz alles niederstrahlte. Erleichtert stieg er wieder in seinen alten Kadett. Jetzt hatte er es bald geschafft. Zwanzig, fünfundzwanzig Kilometer lagen noch vor ihm. Eine knappe halbe Stunde bei dieser Witterung. Zum Rasen gab es keinen Grund. Gerne hätte er jetzt einen autostoppenden ehemaligen Schul- oder Jugendfreund getroffen und mitge-nommen. Aber es war äußerst unwahrscheinlich überhaupt irgend jemanden hier draußen anzutreffen, noch dazu am Heilig Abend. Wie gesagt, er sollte den ganzen Abend über keine Menschenseele mehr treffen, so sehr er sich auch jemanden herbeisehnte. Manchen Menschen scheint das Schicksal gnadenlos einzuschenken. Der Zufahrtsweg war ziemlich zugeweht, er hoffte, nicht irgendwo im Schnee stecken zu bleiben. Bevor ihm das aber überhaupt passieren konnte, da mußte er noch den Schranken, der die Zufahrt blockierte, hochheben. Er ließ den Motor laufen - immerhin wollte er es anschließend im Auto wieder warm haben - und öffnete den Kofferraum. Eine Decke, den Erste-Hilfe-Kasten und das Pannendreieck (das noch original-verpackt war) verscharrte er ein paar Meter abseits des Weges im Wald. Einem Laubwäldchen, vermutlich Birken, Pappeln oder irgendwelche anderen Pionierpflanzen unter den Bäumen; Schotter, wenig bis fast kein Humus, trockene Disteln, Laub, dann Schnee; blaue Finger. Er schob einige Meter im Rückwärtsgang zurück, um sicher zu gehen, daß er auf halbwegs festem Untergrund anhielt, beim Weiterfahren nicht die Reifen durchdrehten und der Wagen sich so immer tiefer im Schnee eingrub. Spaten hatte er nämlich keinen dabei. Er stieg aus dem Wagen, den Motor ließ er aber wieder laufen. Für ein paar Minuten, eine Zigarettenlänge, wollte er sich in den Schnee setzen, den kalten Boden unter sich spüren. Wie lange war er schon nicht mehr so auf dem Boden gesessen! Noch viel länger nicht im Schnee. Er mußte an seine Mutter denken, an ihr erschrockenes Gesicht, als sie ihn mit fünf oder sechs Jahren im Schnee sitzend beim Schneefressen erwischt hatte. Die nächsten Wochen hatte sie sich frei nehmen, er im Bett bleiben müssen. Fünf Wochen teure Medikamente, drei Wochen ein unbeschreibliches Stechen beim Ein- und Ausatmen, dazu dieses lästige Rasseln. Als er nach fast zwei Monaten das erste Mal wieder hinaus ins Freie durfte, da hatte er kurz davor seine Mutter mit ihrer Schwester am Telephon von einem Schutzengel sprechen gehört. Für die letzten beiden Jahre konnte er seinem Schutzengel aber kein Alibi mehr geben. Kein Kontakt mehr. Zuerst die Trennung von seiner Frau. Sie stammte übrigens wie er aus einem der umliegenden Dörfer. Zwölf Jahre hatten sie gemeinsam in der Stadt gelebt. Drei Jahre in wilder, vier Jahre in glücklicher Ehe. Die restliche Zeit mehr schlecht als recht, aber sie hatten sich darauf geeinigt, sich dem Kind zu liebe zusammenzureißen. Irgendwann hatte sie dann die Scheidung eingereicht. Die darauffolgende Trennung war eigentlich einvernehmlich gewesen, sie hatten dem Kind Streitereien ersparen wollen. Also eine neue Wohnung, Besuchsrecht an Wochenenden, Geburts- und Feiertagen. Dann, vor drei Monaten der Job. Die letzten Jahre war der sein einziger Halt gewesen. Fast dreißig Jahre für dieselbe Firma gearbeitet. Hunderte, was heißt hunderte, tausende unbezahlte Überstunden. Und auf einmal war er zu teuer geworden; so wie ihm bald seine kleine Miet-wohnung. Aber er hatte den Advent dafür benutzt, alles zu regeln. Sein ehemaliger neuer Chef, ein junger Absolvent irgendeiner Wirtschafts-universität mit zwei Semestern in Amerika, auch er würde Weihnachten nicht mehr mit seiner Familie ver-bringen. Barbara und dem Buben würden auch keine finanziellen Lasten von seiner Seite bleiben. Das Telefon war mit Ende des Jahres abgemeldet, die Miete bis Ende Februar im Voraus bezahlt. Er hatte alles geregelt. Er blickte gegen den Himmel, dann auf den zugeschneiten Teich. Hätte es die letzten Stunden über nicht geschneit, vielleicht würde sich der Mond in der glatten Eisfläche spiegeln. Es war aber nicht einmal der Mond zu sehen, so dicht schneite es. Ihn fröstelte. Trotzdem zog er seinen Mantel aus und legte ihn auf den Rücksitz seines Wagens, in dem es schön warm war. Er öffnete das Handschuhfach und nahm ein kleines Päckchen heraus. Wunderschön verpackt, Engels-geschenkspapier und eine große weiße Schleife. Er hatte sich geniert, als er in einem Sexshop ein paar Handschellen kaufte, und sie deshalb in Geschenkspapier einpacken lassen. Damit hatte er den - wie ihm schien - Verdacht von sich selbst auf einen unbekannten Freund lenken können. Er packte sie aus und probierte sie an. Das Schloß funktionierte einwandfrei. Eigentlich hatte er sich am Lenkrad seines Wagens festketten wollen, doch jetzt würde er sie nicht brauchen. Auch von dem vierzehntägigen Rückgaberecht würde niemand mehr Gebrauch machen. Kurz darauf versanken die Handschellen irgendwo am Ufer im Neuschnee. Er spulte die Kassette zurück zu seinem allerliebsten Lieblingslied. Dann trat er die Kupplung durch, erster Gang, dann langsam Gas. Nie wieder zweiter Gang! Der gehörte der Vergangenheit an. Ein leises, dumpfes Ächzen als die Vorderräder zum ersten Mal auf das Eis setzen. Schon lastet das ganze Gewicht des Wagens auf der Eisdecke. Wieder Ächzen. Wie Abbildungen von Arterien und Venen in dicken medizinischen Wälzern sah er unter der dicken Schneeschicht dünne Risse im Eis wie eine brennende Lunte weiter wandern, immer größer werden. Schon hatte er die Mitte des Teichs erreicht. Hier war er noch nie gewesen. Eislaufen hatte ihn nie wirklich interessiert, wenn, dann Eishockey, und so weit heraus zu schwimmen hatte er sich als Kind auch nie getraut. Er stellte den Motor ab, dann die Lichter. Das auf der Fahrerseite heruntergelassene Fenster kurbelte er hinauf. Er stellte das Radio lauter, verfluchte sich dafür, sein ganzes Leben ein ausgesprochenes Faible für pathosbeladene Songs gehabt zu haben, doch das Bersten und Ächzen unter und um ihn übertönte sein Lieblingslied ohnehin fast zur Gänze. Auf einmal haßte er den Song, den er zwanzig Jahre lang geliebt hatte. Er machte das Radio aus. Kaum hatte er die Kassette aus dem Auto in den Schnee geworfen und die Türe wieder geschlossen, da begann das Ächzen immer lauter zu werden. Einmal hatten er und seine Frau ein Erdbeben miterlebt, das war auf ihrer Hochzeitsreise gewesen. An die fühlte er sich jetzt erinnert. Ein Krachen und der Wagen platschte ins Wasser, versank zwanzig, dreißig, vielleicht vierzig Zentimeter, schwamm aber gleich wieder ganz oben auf. Langsam und gleichmäßig strömte das Wasser durch die Lüftungsschlitze ins Wagen-innere. Nie hatte er hier drinnen geraucht, jetzt aber steckte er sich eine Zigarette an. Das Päckchen war noch fast voll. Duckte er sich, dann konnte er unter die dicke Eisschicht schauen. Die Warnblinkanlage funktionierte nun leider nicht mehr. Wie gerne hätte er es in der Dunkelheit aufblinken lassen. So hatte er sich als Kind immer die Hölle vorgestellt. Kein Weg zurück, allein, Dunkelheit, grelles, blendendes rotes Blinken, Hitze, die sich schlagartig in eisige Kälte verwandelt. Die Fahrkabine füllte sich doch schneller mit Wasser als er angenommen hatte. Schon bis über die Knöchel reichte ihm das eisige Wasser, aber einige Minuten würde der Wagen schon noch schwimmen. Zitternd führte er seine Zigarette zum Mund; er war froh, nicht ertrinken zu müssen, da er sich sicher war, innerhalb der nächsten Minuten an Herzversagen zu sterben. Er stellte sich seine Vermißtenanzeige vor. Finden würde man ihn wahrscheinlich erst im Frühjahr. Die Reifenspuren würden von Wind und Schnee verwischt werden, das Eis sich über ihm wieder nahtlos schließen. Schon morgen, übermorgen würden vielleicht Kinder ihre Runden über ihm drehen. Ein unpassendes, fremdes Geräusch ließ ihn plötzlich hochfahren, noch einmal ganz zu sich kommen. Auf dem Rücksitz, in seiner Jackentasche. Er hatte vergessen sein Handy abzustellen, den Akku ohnehin leer geglaubt. Jetzt läutete es. Was sollte er tun? Abheben? Das Geräusch zwischen seinen Füßen im Wasser versenken? Nach dem zweiten Läuten riß er die Jacke zu sich nach vorne und drückte die Antworttaste. Dann aber sprach er den Text seiner Mailbox nach. Es interessierte ihn zumindest, wer noch etwas von ihm wollte. Suchte ihn etwa gar schon die Polizei? Guten Tag, ich bin leider zur Zeit nicht erreichbar. Sprechen Sie bitte - Jetzt! Er wartete gespannt, hörte ein enttäuschtes Durchatmen, dann eine Stimme: Er ist nicht erreichbar, Mama! Klack, aufgelegt. Er fühlte sich hundeelend, wischte den beschlagenen Rückspiegel frei und betrachtete sich selbst. Seine Wangen waren blau, seine Stirn weiß. Seine Beine spürte er ohnehin nicht mehr. |