reise nach brjansk

text: mich

Nicht nur die Beschreibung einer Reise in eine uns vorher nicht bekannte russische Stadt liefert uns Olga Sedakova, sondern deren zwei: Die Schilderung der Reise in die mittelrussische Stadt Brjansk von 1984 sowie jene der Reise nach Tartu und zurück. Keineswegs reihen sich aber die Erzählungen aneinander, vielmehr stehen beide in direkter Opposition. Zum ersten opponieren die Beschreibungen zeitlich, spielt sich doch die erste vor und die zweite nach der Wende ab - einerseits in der UdSSR, andererseits in den Nachfolgestaaten. Doch was charakterisiert laut Olga Sedakova diesen Umbruch? Ist es ein Neubeginn gestützt auf Althergebrachtem, für gut Befundenem und deshalb Brauchbarem? Oder kennzeichnet eine Wende doch das Gros der Menschen, die in dem gewendeten (gewundenen, gewindeten?) Land und seinen geographischen Restbeständen leben und leben werden?
Eines haben aber beide Reisebeschreibungen gemeinsam: Olga Sedakova als Mitdenkende, sich Wundernde und Schildernde; Olga Sedakova als Leidtragende, Mitfühlende und Erzählende. Und genau das charakterisiert die Reisebeschreibungen: Eine keineswegs auf den ersten Blick verständliche Umwelt und Soziographie sowie das darüber nachdenken und darüber reden.

Olga Sedakova wurde bekannt mit Übersetzungen europäischer Literatur (Dante, Paul Claudel, Dylan Thomas, Emily Dickson, Rainer Maria Rilke und Paul Celan). Sie beschäftigt sich philologisch mit liturgischen Texten der orthodoxen Kirche und dem russischen Volkslied.

Sedakova, Olga: Reise nach Brjansk. Aus dem Russischen von Valeria Jäger und Erich Klein. Wien, Bozen: Folio 2000