short cuts
pelewin, treichel, stuckrad-barre, gernhardt, busch, whitehead, ryman

text: wolfang paterno

    /_Sardinen schwärmen

Der erste Versuch fällt eher kümmerlich aus: "Sardinenwolken südwärts schwärmen". Wohlan, denkt sich der Junglyriker Tatarski und geht in die Werbebranche. Dort stümpert er gleichfalls ("Nescafé Gold - Die Geschmacksexplosion!"), gelangt aber zu Geld, Ruhm und Unsterblichkeit. In "Generation P" des jungen Moskauer Schriftstellers Viktor Pelewin wird die "russische Seele" mit den Segnungen und Greulichkeiten der Marktwirtschaft konfrontiert. Pelewin, ein Satiriker von hohen Graden, beschreibt höchst amüsant das "Restrauschen der Sowjetpsyche" anhand seines Marktschreiers Tatarski, der inmitten einer kriminalisierten und korrupierten "Generation Pepsi" immer neue Schüttelreime dichtet: "Der Wind hat ihr ein Lied erzählt - Ariel".
Wolfgang Paterno

Viktor Pelewin: "Generation P", Volk und Welt, 324 S., öS 307.-

    /__Dynamit

Der Maestro liebt es, am hellichten Tag mit Trara aufzutreten: Auf den Lippen stets eine neue, selbstverständlich grenzgeniale Melodai, die Hände fuchteln im Takt, im Schlepptau ein Pulk von Dienern, Sekretären und Helfern. Bergmann, seines Zeichens "der berühmteste lebende deutsche Komponist", ist die zentrale Figur in "Tristanakkord" des Germanisten Hans-Ulrich Treichel. Der Student Georg aus "Emsfelde an der Ems" wird durch Zufall mit der Zentrifugalkraft Bergmann bekannt und erhält so intime Einblicke in die Neutöner-Szene. Treichel, den eine langjährige Zusammenarbeit mit Hans Werner Henze verbindet, hat mit seinem ersten Roman nicht nur die Tür zum Elfenbeinturm der komponierenden Diven einen Spalt breit aufgestoßen, er beschreibt vor allem meisterlich einen Bewohner, der getrost ein Nietzsche-Wort im Munde führen könnte: "Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit".

Hans-Ulrich Treichel: "Tristanakkord", Suhrkamp, 237 S., öS 277

    /__Zorn-Oden

Alles wie gehabt: Mit dem "Spiegel" liefert er sich kleine Scharmützel, in Talk-Shows hat er seine großen Auftritte und läßt sich als "Popautor", als jugendliches Genie abfeieren. "Blackbox", das neue Buch des erst 25jährigen Autors Benjamin von Stuckrad-Barre ("livealbum", "Remix", 1999) erscheint und der "Spiegel", in dessen Gängen und Redaktionsstuben gelinde gesagt kein allzu juveniler Geist waltet, ortet einen "Amoklauf eines Geschmacksterroristen", die übrige Journaille ist froh, Jungspund BSB popig in Szene setzen zu können. Das mediale Getöse kommt allerdings nicht von ungefähr: Bereits mit seinem Erstling ("Soloalbum", 1998) gerierte sich der "FAZ"-Journalist als Fatzke und schnoddriger Großkotz, der die Seiten im Splatter-Stil mit dem Wort "Scheiße" zukleisterte und Semiprominente wie den Moderator Alfred Biolek Spießrutenlaufen ließ. Von Stuckrad-Barre, der sich gern als polternder Einzelkämpfer wider alles Angepasste präsentiert und dabei selber schon ein aufgeplusteter Gockel in der Arena ist, prügelt auch in der Textsammlung "Blackbox" wieder ohne einen Anflug von Ironie Erscheinungen des deutschen TV- und Adabei-Zirkus. Das funktioniert nach dem Eintagsfliegen-Prinzip: Die Haltbarkeit der nicht gerade gedankensatten und manchmal plumpen Tiraden dürfte gleichzeitig mit dem medialen Verschwinden der allenthalben ausgemachten Hass- und Reizfiguren verblassen, die Lektüre der Zorn-Oden ist dennoch erfrischend und fungiert als Seismograph eines ziegenbärtigen Jungvolks. Auch nimmt der Prügelpoet den gemeinen teutschen Michel in die Mangel (wie in "Arschloch.de") und läßt ihn einfach entlarvend zum Thema DDR daher reden: "Jaja, da - das war Osten. Ist schon verrückt." Hierzulande, wo Bundeskanzler das Jungvolk verächtlich als "Internet-Generation" abkanzeln, würde ein Sprachrohr Marke BSB ziemlich Not tun.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Blackbox. Kiepenheuer & Witsch. 2000. 350 Seiten, öS 145.-

    /__Das Grunzen der Schweine

Es ist einenteils schön, immer wieder Neues von Robert Gernhardt zu lesen, andrerseits muss der gute Mann langsam aufpassen, dass er nicht ein Goethe-Schicksal erleidet: Wasauchimmer, schlag nach bei Gernhardt. Ob Abhandlungen über Vogelgezwitscher, Bildergeschichten, Erzählungen, Herausgebertätigkeiten oder als Hobby-Tierpsychologie: Gernhardt all over.
In "Was deine Katze wirklich denkt. Dreizehn Lektionen in Catical Correctness" kommt "Schimmi" zu Wort. Schimmi ist eine fette, verwöhnte Katze mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Wenn also die Katze des Nachts mehrmals über die Schlafenden stolziert, dann denkt sie dabei an den "Philosph Sokratzes" und erzählt uralte Märchen von Katzenfutterdosen und - hurra - Katzenfutterdosenöffnern. Dass sie eine solche sofort selber geöffnet haben möchte, ist sowieso klar. Was die Katze in 13 exklusiven Situationen wirklich denkt, ist hier nachzulesen. Gernhardt greift schnurrend in die Tasten ("Herrchen", "Frauchen", "Pfötchen", "Schinkenbrötchen") und schreibt ein leichtgewichtiges Geschenkbüchlein für Katzenfreunde. Dankbarerweise hat sich Gernhardt die letzte Zeit nicht nur um seine Katze gekümmert, sondern 2300 Seiten Wilhelm Busch durchgesehen und mit "Da grunzte das Schwein, die Englein sangen" einen Band mit den Zeichnungen des Meisters herausgegeben, in dem er "die komische Sau rausläßt" (Gernhardt in den "Bemerkungen zu Busch"). Ein schön gestaltetes Buch mit vielen Wiedersehensfreuden: Max und Moritz, Fipps der Affe, Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter oder Plisch und Plum. Schlag also getrost nach bei Gernhardt: Viel besser ist, von Schimmi zu lesen, als von verplapperten Hunden mit Namen wie Buzzo, schön ist, die feinen Kritzeleien von Busch wieder zu sehen. Und finden tut man sowieso mehr als bei good ol´ Goethe.

Robert Gernhardt: Was deine Katze wirklich denkt. Dreizehn Lektionen in Catical Correctness. München 2000 (Diana). 93 S., öS 102.-

Wilhelm Busch: Da grunzte das Schwein, die Englein sangen. Ausgewählt und mit einem Essay von Robert Gernhardt. Frankfurt 2000 (Eichborn) 385 S., öS 369.-

    /__Frau Inspektor

Das Warten hat ein Ende: Seit Henri-Frédéric Blanc in "Der Mann im Lift" (1994) einen kasernierten Medienfuzzi im Lift weich kochen ließ, hat sich auf dem Gebiet des Fahrstuhlromans wenig getan. Der Journalist Colson Whitehead hat nun "Die Fahrstuhlinspektorin" vorgelegt - leider heißt es, sich noch länger die Füße vor der Fahrstuhltür in den Bauch zu stehen. Lila Mae Watson ist die erste Farbige in der "Fahrstuhlinspektorenbehörde." Es geht Schlag auf Schlag, Stockwerk um Stockwerk: Ein mysteriöses, weltumstürzlerisches Komplott wird geschmiedet, Schwarz kämpft gegen Weiß, Fahrstühle gegen Rolltreppen - und Lila, die "die übliche Bandbreite an Fahrstuhlgefühlen" hat, mittendrin! Wörter wie "Fahrstuhlinspektorenmentaliät" oder "Fahrstuhlinspektorenhandbücher" sind staunenden Auges abzuwarten, Erhebendes kommt leider nicht daher. Warten auf den nächsten Fahrstuhlroman.
Erfreuliches ist in Sachen U-Bahn-Roman zu melden. Die letzte größere Aufregung im Untergrund datiert auch schon aus dem Jahr 1913, als Bernhard Kellermanns "Der Tunnel" erschien. Geoff Ryman, im Hauptberuf im Bereich Neue Medien tätig, hat in "253. Der U-Bahn-Roman" (seit 1996 unter http://www.ryman-novel.com/ im Internet) die Unterwelt wiederentdeckt. Ryman wühlt sich mit streng durchstrukturiertem Tunnelblick vor: 252 Passagiere und ein U-Bahn-Fahrer, aufgeteilt in sieben Waggons mit je 36 Sitzplätzen, sind am 11. Jänner 1995 von 8 Uhr 35 bis 8 Uhr 42 eine Station lang unterwegs. Jeder Passagier wird mit 253 Worten in jeweils drei Kapiteln beschrieben ("Äußere Erscheinung, Private und berufliche Information, Was sie/er gerade tut oder denkt"), nach den sieben Minuten Fahrt herrscht Totenstille. Ein pageturner: Schnell die überbordende Sammlung von Mikroszenen und witzigen Vernetzungen vor dem finalen Clash fertig lesen. Lifte besser vermeiden, U-Bahn fahren!

Colson Whitehead: Die Fahrstuhlinspektorin. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Hoffmann und Campe. 317 S., öS 291.-;

Geoff Ryman: 253. Der U-Bahn-Roman. Deutsch von Lutz-W. Wolff. dtv premium. 356 S., öS 204.-