Frischer Stoff aus Kennedywelt ::.. Ein junger Wiener debütiert mit einem atemberaubend amerikanischen Roman über Liebe, Leidenschaft und Kino.

text: martin amanshauser


Kurzfassung für oberflächliche Leser: Buch ist super und sogar billig! Dringend kaufen!
”Ich soll Ihnen etwas über Stapelton, Massachusetts erzählen? Nun, es gibt nicht viel, was ich Ihnen erzählen könnte.” Christian Sova, 29-jähriger Wiener, stürzt sich mit einem Kopfsprung in seinen bei Reclam-Leipzig im Paperback erschienen Erstling ”Stapelton, Massachusetts”. Herausgekommen ist eine überwältigende Geschichte, mit einem Plot, wie er in dieser Eindringlichkeit und Rasanz wohl selten erzählt worden ist.
Das raffinierte Spiel mit Dualitäten und Versatzstücken eines äußerst kargen und inzwischen versunkenen Amerika ist zeitlich in die Tage, Monate und Jahre rund um jenen 22. November 1963 montiert, an dem Kennedy in Dallas mit Kugeln abgefüllt wurde. Räumlich spielt es zunächst in einer verregneten Kleinstadt am Atlantik. Die Nachbarn Mr. Samson und Mr. Tompkins (letzterer Besitzer des regionalen Stapelton-Star-Kinos) tuckern ständig bourbongetränkt mit dem Boot die Klippen entlang – ”Die Wellen brechen dort hoch und gefährlich gegen die Felsen. Jedes Kind wusste das, aber zwei betrunkene Männer sind natürlich unvernünftiger als Kinder und mutiger als zwei nüchterne Männer.” – und sterben einen exemplarischen Taugenichtstod. Ihre Söhne Eddie Samson (der Erzähler) und Nolan Tompkins, beide Ende der vierziger Jahre geboren und schwer in der Pubertät, wachsen fast widerstrebend in eine seltsame Freundschaft hinein.
Der knollennasige Nolan ist ungeeignet zum Pferdestehlen (”Eher schon konnten einem die Pferde zusammen mit ihm leichter geklaut werden.”). Durch täglichen kompromisslosen Rückzug in die Kinowelt findet er seinen persönlichen Brad Pitt: den Schauspieler George Earl Gadson junior aus dem Cowboyschinken Westwind: ”Jeder, der diesen Film sah, vergaß ihn rasch wieder, nur Nolan vergaß ihn nie.” Nolan errichtet seiner verbotenen Liebe im Kinderzimmer einen Altar und bohrt nebenbei ein Loch in die Wand, durch das er und Eddie dem Geheimnis ihrer Mütter auf die Spur kommen.
Der Held der zweiten Handlungsebene ist Nolans Angebeteter Gadson junior, ein ziemlich junger, hübscher, naiver Kerl aus den monotonen Weizenfeldern von West-Kansas, der seinen eigensinnigen Weg durch Hollywood geht und nach seinem zweiten Film (1962, er spielt einen ermordet werdenden US-Präsidenten) alles hinschmeißt. Gemeinsam mit einem Farbigen fällt er in Alabama dem Ku-Klux-Klan in die Hände: Basis für ein sorgsam inszeniertes literarisches Roadmovie, bei dem Nolan (auf der Suche nach der Regengrenze, nach seiner Liebe Gadson, und, wer weiß, letztlich nach dem Vater) ausgiebig Gelegenheit kriegt, die Rolle seines Lebens zu spielen.

Heute wird manchmal geklagt, dass sich Teile der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wie Übersetzungen aus dem Amerikanischen lesen. Bei ”Stapelton, Massachusetts” ist das musterhaft der Fall, jedoch auf allerfeinste Art: englische Syntax als Stilmittel. Im Interview bestätigt Christian Sova gutgelaunt, die einschlägige US-Literatur (Irving, Capote, Tennessee Williams) zu 95% auf Deutsch gelesen zu haben. ”Ich wollte den umgekehrten Weg gehen – die Suche nach einer neuen Diktion hätte bei dieser Geschichte niemals funktioniert."
Dieser unkomplizierte Zugang verleiht dem Text einen Glanz und eine selbstverständliche Frische, die den Leser garantiert bis vier Uhr morgens durchhalten lässt – außergewöhnlich, ist doch österreichische Literatur gerne der blutverdickenden Tradition des Mittagsschlafs verpflichtet. Neben der lapidaren und schnörkellosen Sprache verblüfft Sovas Detailwissen über ein Jahrzehnt, in dem er keine Sekunde gelebt hat – und über einen Kontinent, den er nur von Besuchen kennt. ”Alles Fiktion! Es ist in erster Linie eine Bestandsaufnahme zwischen Amerika und mir, mit den Träumen und Alpträumen, die dort und in mir drinnen kursieren. Ich kenne die USA vor allem von Auto-Urlauben in den Neunzigern”, beteuert er, ”wenn man sehr lange autofährt, gerät man in einen gewissen Strudel oder Rausch hinein. Man wacht in einem anderen Bundesstaat auf, in einer anderen Klimazone – so haben wir das betrieben – und so kriegen hundert Meilen eine ganz andere Dimension.”
Vielleicht liegt das Geheimnis des Publizistikabsolventen auch in der wohltuenden Distanz zum Literaturbetrieb: drei Jahre arbeitete Sova als PR-Berater, seit Oktober ist er bei einem österreichweit aktiven Unternehmen im Non-Profit-Bereich tätig. ”Beruf und Schreiben sind für mich klar getrennte Gebiete. Das eine ist das tägliche Leben, das andere ist jetzt einmal passiert. Für meine persönliche Lebensplanung ist das Buch ohnehin 15 Jahre zu früh gekommen.”
Sova erlebt momentan die kleinen Wunder-Seifenblasen des Literatureinsteigers: ”Auf Ö1 ist ein Ausschnitt gelaufen ... das ist gleich was anderes, wenn man hört, wie der eigene Text von einer ausgebildeter Stimme gelesen wird.” Ob er sich vorstellen kann, irgendwann in der Zukunft ausschließlich Autor zu sein? Christian Sova antwortet sehr behutsam: ”Natürlich wäre es angenehm, eines Tages davon leben zu können. Ein interessanter Gedanke. Wie soll ich sagen? Durch das Erscheinen des Romans bin ich viel schneller auf den Gedanken gebracht worden, so etwas öfter zu denken.”
Kurzfassung für oberflächliche Leser: Buch ist super und sogar billig! Dringend kaufen!

Christian Sova, Stapelton, Massachusetts, Roman, Reclam-Leipzig, 230 Seiten, DM 16.90