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: die erste station entlang einer u-bahnlinie :
oder: fallen angels going underground
Die U-Bahn fhrt in die Station ein. Geradeso wie der Tod, der immer wieder ein paar Waggonladungen abholt. Keiner der hier Wartenden bleibt ver-schont. Schubweise karrt er sie aus dem Leben in die Dunkelheit. Lediglich Leere bleibt zurck. Wenn auch nur eine scheinbare Leere, in der sich Zigaretten-qualm, Schwei§ und Parfum im Sog der abrollenden Waggons vermischen. Dann verflchtigen sie sich, machen Platz fr Neuankmmlinge. Scheinbare Leere, wie gesagt, denn eigentlich ist es keine Leere, sondern Vakuum, das zurck-bleibt. Aber auch sein Gastbesuch ist nur von kurzer Dauer. Gleich zieht es wieder neuen Qualm, neuen Schwei§ und neues Parfum die Rolltreppen und Stiegen herunter. Wem werden wir als nchstes begegnen?
Verrcktspielenden Hormonen eines frisch verliebten Paares? Dem routinierten Einen-Fu§-vor-den-anderen-setzen eines Rollschuhfahrers? Den hohen Stimmen einer Schulklasse, die nur mit Mh und Not von einer jungen Lehrerin unter Kontrolle gehalten werden kann? Einem Grablicht, das von einer gekrmmt gehenden Mindest-rentnerin ans Grab ihres Gatten getragen wird; so wie vor ihm schon Unzhlige...?
Fragezeichen bleiben im Raum hngen, denn Gedanken schwirren die Rolltreppe herab. Wie Bienen, oder Engel (die entsprechende Assoziation bricht passend zur Jahreszeit und zur religisen berzeugung ber uns herein), und sie umkreisen das Haupt eines jungen Mannes. Sein u§eres Erscheinungsbild entspricht ganz der gngigen Mode. Ja, er scheint mit der Mode zu gehen. Uns interessieren jedoch einzig seine Gedanken. Widmen wir uns also wieder den Bienchen und Engelchen. Mit Letzteren drften wir es doch eher zu tun haben, und mit der Verkleinerungsform deshalb, weil es ihrer eine gro§e Anzahl bedrfte um die Welt zu bewegen. Engelchen also; nageln wir diese Assoziation einmal fest. Warum flattern sie so benommen durch die Gegend? Einige scheinen berhaupt zurckgeblieben zu sein. Etwas erholt versuchen sie jetzt schon wieder aufzu-schlie§en. Nur bei wenigen Aus-erwhlten (und fiktiv in Cartoons) treten Engel einzeln auf, ratschen ihren auswendig gelernten Monolog herunter, beantworten mit Hilfe von Oben ein paar Fragen und verschwinden dann gleich wieder aus dem Blickfeld. Auftrags-arbeit und gewissenhafte Pflicht-erfllung, keine Frage. Zwar steht es geschrieben, doch hat wohl sonst noch niemand von einzelgngerischen Engeln gehrt, geschweigedenn von autonom geplanten Aktionen separatistischer Engelchen. An Egoisten wagt in dieser Branche ohnehin niemand zu denken; stets arbeitet die zustndige Kammer daran, das hervorragende Bild in der
ffentlichkeit zu wahren. Zuwider-handelnde werden gnadenlos mundtot gemacht, ...
Ja, und selbst htten wir vorhin demokratisch entschieden, und unsere Wahl wre doch auf (dem weiblichen Erbknigtum restlos ausgelieferte) Bienen gefallen: auch Bienchen ent-fernen sich einzeln nur dann vom Stockstaat, wenn sie sich (mit von Oben ausgestelltem Visum) auf die Suche nach blhenden Weidegrnden. Letztere drften hier jedoch nicht einmal Wesen einzureden sein, die nur unter absolutistischer Herrschaft ihr Dasein fristen knnen. Freilich knnte flackerndes Neonlicht deren Orientierungssinn ordentlich aus den Angeln heben; doch wie gesagt, wir haben es ohnehin mit Engelchen zu tun. Was also mag nun der Grund fr das unfreiwillige Zurckbleiben einiger von ihnen sein? Die Antwort reizt bereits unsere Nasenschleimhaut. Es ist eines dieser ultramaskulinen Duftwasser, wie wir sie in jedem Supermarkt finden knnen. Nichts als ein paar frei schwebende Partikel auf Moschusbasis - und schon verlieren unsere Engelchen jegliche Kontrolle. Wren unsere Engelchen bei Sinnen, und wrden nicht fast das ganze Jahr ber die Weihnachtsvorbereitungen auf vollen Touren laufen; sie knnten sich in ihrer Freizeit (dafr zu kmpfen fhlt sich die zustndige Kammer aber eben nicht zustndig) mit Werbung auseinander-setzen, ... verfluchen wrden sie das Plakat, das unweit von ihnen genau das Duftwasser anpreist, dem sie nun so tierisch ausgeliefert sind.
Inzwischen hat sich das Vakuum gnzlich verzogen und der Bahnsteig l§t um einige von uns wahrscheinlich schon wieder den ausgehungerten Weltbevlkerungsengel schweben. Leises Rattern in der Ferne l§t lngst wieder die Luft beben, Molekle vibrieren. Es wird unmerklich wrmer. Lichter tauchen auf im Dunkeln, wachsen uns entgegen und kndigen wieder einmal den kleinen Tod an. Wir haben es mit zufriedenen (oder noch immer berauschten) Engelchen zu tun; niemand will irgend jemanden dazu bewegen, vor die herannahenden Lichter zu springen. Alle bleiben ruhig. Routine beherrscht den Raum. Die herannahende Dunkelheit beunruhigt kaum jemanden. Alle erwarten Licht am anderen Ende des Tunnels. Nein, das ist freilich nicht immer so. Es wird auch nicht immer so bleiben. Einsteigen bitte. "Zugfhrtab!", ertnt es im Noch-nicht-Vakuum. Jetzt schlie§en sich die Tren, schneiden Parfumwlkchen in zwei Hlften, und trennen so manches Engelchen von den Seinigen. Die angekndigte Abfahrt wird wahr. Gedanken werden ins Jenseits befrdert. Diesmal siegt das Vakuum nicht ganz. Statt Kadavern und Knochen bleiben nicht zu Ende gerauchte Zigaretten. Der Sog mischt wieder halbe Parfumwlkchen und brig gebliebenen Qualm. Er wirbelt auch eines unserer Englein durcheinander, das, wieder ganz zu sich gekommen, alles daran setzen wird, sich einer neuen Engelsschar anzuschlie§en und irgend jemanden vor die Lichter zu zwingen. Da§ ihm das auch gelingt, das ist diesmal schon wahrscheinlicher.
Judith Jungbluth
(geb. 1979, Maturantin aus Wien)
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