der proletarierdetektiv tschonnie tschenett

text: mich

Morde passieren in Hamburg, München, Ludwigshafen, Berlin. Gemordet wird auch gelegentlich in Wien, seltener in Bern, durchdachter in London, sensibler in Paris, regelmäßig in Schonen. Aber was ist, wenn Stoever, Brockmöller, Odenthal, Eisner, Ostbahn, Wallander - und wie die anderen Kollegen auch alle heißen mögen – einmal nicht zur Stelle sind, der Behördenapparat nicht den Charme und Witz ebengenannter versprühen kann? Wo auch immer zwischen Südtirol und Grönland – einer kann aushelfen: Tschonnie Tschenett.
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Aufgewachsen ist Tschonnie Tschenett zweisprachig irgendwo hinterm Brenner in Südtirol, spricht natürlich Deutsch und Italienisch. Aber die wirtschaftlich vernachlässigten, kleinen Seitentäler haben nichts, was den forschen Draufgänger halten könnte. Keine feste Anstellung, keine eigene Existenz, die T. T. sich hätte aufbauen können, bieten einen Angelpunkt – außer vielleicht seine mütterliche Freundin Berta, die weit abgelegen eine kleine Gaststätte betreibt, Wunden, die sich der Protagonist durch Alkohol zugefügt hat, pflegt und den ständigen Pleitier finanziell aufrichtet. Also zieht Tschenett aus, um die Welt zu entdecken – sei es als LKW-Fahrer, sei es als Matrose auf einem Fischkutter in der Nordsee und gelangt ergo von Norditalien nach Deutschland, Süditalien, Grönland, Albanien usw. Mittels multilingualer Begabung kann man sich in Europa schon durchschlagen; trotzdem überwiegt aber das Talent, immer – wo auch immer – in irgendwelche Verwicklungen zu geraten, zwischendurch auch ein paar Wochen im Gefängnis zu verbringen und natürlich stets Probleme mit irgendwelchen öffentlichen Behörden und der lokalen kriminellen Szene zu haben. Aber Tschenett ist kein lebensüberdrüssiger, sondern vielmehr ein lebenslustiger Mensch, der sich weniger im Streit mit seinen Mitmenschen, als im permanenten Clinch mit sich selbst befindet, sich dabei mit sich selbst bespricht, sich selbst beschimpft, sich aber auch selbst gute Tips geben kann. Diese Ratschläge gibt Tschenett an seine zahlreichen gerade erst kennen gelernten oder ewig schon treuen Freunde weiter, mit denen er schon das eine oder andere Glas getrunken hat und weiter trinken wird – und das können Fußballstars vom AC Milan sein oder deutsche Kriegsberichterstatter in Albanien, genauso Gastwirte, Zollbeamte vom Brenner, Zimmermädchen usw. Daß es natürlich innerhalb all der Verzwicktheit nicht immer zu einfachen Hollywood like Happy Ends kommen kann, scheint klar, aber Tschenett zeigt Courage, man ergreift Partei und haut den Unguten mit Genuß eine übers Happel.

Der in Bozen geborene Gazetta dello Sport-Leser Kurt Lanthaler lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Berlin. Mit Tschonnie Tschenett hat er wohl den Antihelden der Proletarierklasse geschaffen, der sich selbst, seinen Gegnern und Mitprotagonisten sowie natürlich dem Leser eine Fülle an Rätsel – zum Teil auf Italienisch - aufgeben kann, von denen der Autor im Glossar allerdings einige auflöst. Aber man muß Tschenett lieben; diesen cleveren, sympathischen Europäer, Weltenbummler, Taugenichts und Immerzuvieltrinker und es bereitet mehr als Vergnügen, den Hin- und Hergerissenen lesend zu verfolgen.

Lanthaler, Kurt: Tschonnie Tschenett. Grobes Foul. Innsbruck: Haymon 1993
Lanthaler, Kurt: Tschonnie Tschenett. Azzurro. Innsbruck: Haymon 1998