__/Interview mit Maike Wetzel
München, Cafe Jasmin, 18.4.2000

interview: pamela rußmann

Maike Wetzel, 26, ist im Juli nach Berlin umgezogen, und schreibt und lebt derzeit am LCB (Literatur Colloquium Berlin) am Wannsee.


Wie fühlt man sich, wenn gleich das erste Buch so ein Verkaufsschlager wird wie dein Erzählband "Hochzeiten"?

Es ist ein gutes Gefühl, wobei das immer zwei Sachen sind: der Erfolg, den man für sich verbucht und ob man zufrieden ist mit dem Buch, und auf der anderen Seite die Mediengeschichte. Es ist natürlich schön, daß das Buch wahrgenommen wird, aber es ist schade, daß die Person in den Vordergrund gespielt wird und es nicht mehr um das Buch geht. Vor allem interessiert man sich für mich unter dem Etikett jung, weiblich, gutaussehend und das nervt.

Stimmen die Gerüchte also, daß die Verlage momentan zuerst aufs Geburtsdatum schauen und dann erst auf den Text?

Ich würde das nicht den Verlagen vorwerfen. Denn wenn ich von Radiostationen Briefe bekomme, in denen steht, "...mit Ihrem neuen Roman...", ist für mich klar, daß sie sich gar nicht mit dem Buch beschäftigt haben. Diese Leute laden mich wirklich nur deshalb ein, weil ich 25 bin. Es ist aber nicht so, daß die Verlage nur mehr junge Leute publizieren, sondern daß die Medien verstärkt nach jungen Autoren fragen.

Hat man dir gesagt, toll, daß du so gut aussiehst, weil dann verkauft sich das Buch besser?

Nein, überhaupt nicht, aber das Publikum bei den Lesungen ist wahnsinnig auf diesen Markt angespitzt. 50% der Fragen zielen darauf ab, wie ich verkauft werde. Mir wird unterstellt, daß meine Autorenfotos einen bestimmten Typ verkaufen. Ein Mann hat kürzlich ganz charmant gemeint, daß ich drauf aussehe wie 35 und ob man damit das Zielpublikum anheben wolle. Jeder unterstellt einem, daß man nur ein Medienprodukt ist, weil so eine große Aufmerksamkeit für junge Autoren da ist.

Was passiert, wenn sich die Medien in ein, zwei Jahren wieder auf eine andere Schiene einschießen? Wird man in zwei Jahren immer noch an einer Publikation von Maike Wetzel interessiert sein?

Ich hoffe, daß die Entwicklung so sein wird wie mit dem Kino. Anfang der 90er ist kein Mensch ins Kino gegangen, und heute ist das völlig normal und jeder redet ganz selbstverständlich über Filme, die rauskommen. Das gehört einfach zur Alltagskultur. Ich hoffe, das passiert auch mit der jungen Literatur. Ich finde, vorher war der Zustand eher unnormal. Es gab nur Nachkriegsgenerationsautoren, was auf die Dauer ungesund war, weil nichts nachkam und weil eine bestimmte Generation überhaupt nicht repräsentiert war. Ich hoffe, daß meine Generation, daß also wir, sozusagen, weiterwachsen.

Liest du deine gleichaltrigen Kollegen, wie Benjamin von Stuckrad-Barre oder Elke Naters?

Wenig. Ich lese eher die Rezensionen.

Ist da ein Wir-Gefühl da, wie du vorher angedeutet hast oder kriegt man das von den Medien injiziert?

Man kriegt´s leider injiziert. Ich bin aber sehr darauf bedacht, ich zu sagen und nicht wir. Teilweise werden aber Zitate einfach umformuliert. Da wird dann aus "Ich bin ein Einzelgänger" – "Wir sind Einzelgänger". Aber ein Generationengefühl...ich weiß nicht...ich fühle mich nicht mehr zu jungen Literaten hingezogen als zu jedem anderen meines Alters.

Du studierst an der Hochschule für Film und Fernsehen in München. Dein Schreibstil ist sehr bildhaft, deine Texte evozieren schnell kleine Filmchen im Kopf. Ist das Absicht?

Nein, mein Schreiben ist nur sehr unterbewußt von der Filmhochschule beeinflußt. Es läuft auf keinen Fall ein Film vor mir ab, wenn ich schreibe.

Was ist der Impuls, der dich zum Schreibtisch treibt?

Ich bin eine, die meistens erst mal eine Woche fluchend vor dem Schreibtisch sitzt, weil nichts geht. Da ich sehr unregelmäßig schreibe, bin ich auch nicht sofort drin, aber irgendwann platzt dann der Knoten. Aber es sind unterschiedliche Auslöser, die mich zum Schreibtisch treiben. Es ist ein komisches Gefühl der Spannung, ich muß dann einfach schreiben.

Warum hast du überhaupt zu schreiben begonnen mit 16?

Ich wollte immer schreiben, seit ich schreiben kann. Aber ich hatte einen großen Zensor im Kopf, der sagte, du kannst das nicht. Ich habe dann aber trotzdem mit 16 angefangen zu schreiben. Warum? Weil ich glaube, daß ich auf dem Papier das besser sagen kann, was ich möchte als mit Worten. Gerade wenn ich viel schreibe, habe ich das Gefühl, daß ich überhaupt nicht mehr reden kann.

Wann ist man sich sicher, daß die eigenen Geschichten für die Öffentlichkeit interessant sein könnten?

Wenn man an die Öffentlichkeit geht, muß man eine gewisse Distanz zu den Geschichten einnehmen können. Die Leute lesen die Texte ganz anders, als man sie selber liest und projizieren durch den Text Dinge auf einen, die man lieber nicht auf sich projiziert haben will. Damit muß man umgehen können.

Was tust du gegen eine Schreibblockade?

Puh, sehr schwierig. (Denkt nach.) Probiere, frei zu schreiben, automatisches Schreiben, Musik hören. Ob´s hilft, weiß ich nicht. Es ist schwierig, auf etwas zu stoßen, das mich interessiert. Ich weiß am Anfang nie, wo die Geschichte enden wird. Ich fange an mit einem Satz und dann entwickelt sich das drumherum. Die Figuren formen sich schließlich heraus wie bei einem Bildhauer die Skulpturen aus einem Stein.


Maike Wetzel__Hochzeiten__Fischer TB 2000_ISBN: 3596223989