: ...und es bleibt finster!
peter zimmermanns
"die nacht hinter den wäldern"

text: susanne falk

Am Anfang war der Mord. Zimmermann greift in diesem beachtlichen Debüt den authentischen Mordfall an Agnes Hruza im Jahre 1899 in Böhmen auf und lässt den Leser eintauchen in eine Welt voller Vorurteile, Antisemitismus und politischer Korruption. Zimmermann tut dies auf eine geradezu herrlich unverfrorene Weise, indem er das heikle und nach wie vor leider aktuelle Thema Antisemitismus mit einer Brillanz in der Erzählung behandelt, die oftmals zwischen Sarkasmus und sanftem Humor pendelt.

In einem Wald in der Nähe des kleinen tschechischen Städtchens Polna wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Agnes Hruza wurde vor bzw. nach ihrem gewaltsamen Tode nicht nur misshandelt, die Leiche weist auch außergewöhnliche Spuren am Hals auf: die Kehle ist durchgeschnitten, der Kopf beinahe abgetrennt, die Leiche ist blutleer. Die antisemitische Presse wittert ihre Chance und tatsächlich entspinnt sich durch gezielte Fehlinformation, wirre Verdächtigungen und Vorurteile das Gerücht, es handle sich um einen jüdischen Ritualmord.
Der Fall zieht höchste Politkreise in seinen Bann und auch die Justiz bleibt nicht frei von Voreingenommenheit, bis es zum Prozess und damit zum Fehlurteil gegen den Juden Leopold Hilsner kommt.

Zimmermann greift den authentischen Fall des Hilsner-Prozesses auf, indem er auf alte Quellen zurückgeht und um den Mordfall herum seinen Roman konstruiert. Dabei wechselt er häufig die Erzählperspektive, ohne dass jedoch der rote Faden verloren geht und erzählt seine Version des Mordfalls aus den einzelnen Perspektiven der Hauptakteure. Diese erscheinen dabei in keinem guten Licht, kann Zimmermann doch mit viel Witz und Ironie die antisemitischen Positionen der Anklage nicht nur klar herausarbeiten, er widerlegt sie dabei auch gleich. Er outet den gemeinen Menschen, ob klug oder dämlich, ob angesehen oder arm, welcher Religion auch immer als unmenschlich. Lediglich das eigentliche Opfer Leopold Hilsner und einige andere Nebenfiguren bleiben als tragische Antihelden bestehen.

Um die Geschichte in Polna entwickelt sich eine rückblickende Perspektive aus heutiger Sicht durch den ersten Erzähler und die Figur des Antiquars. Dabei gerät der Erzähler, und mit ihm auch der Leser, immer mehr in den Sog des Geschehens in und um Polna, so dass sich die Realität des Erzählers mit der Geschichte vermischt. Er erkrankt an einem zu hohen Ausmaß von Blut und Tod in seinen Phantasien. Was aus ihm und den Beteiligten des Prozesses wird, bleibt größtenteils offen. Lediglich ein kurzer Absatz am Ende des Buches verrät uns den Schluss der realen Geschichte um den Hilsner-Prozess.

Antisemitismus ist nicht das Hauptthema des Romans. In erster Linie hat Zimmermann ein Buch geschrieben, das unterhalten will und das dieses Vorhaben auch in bemerkenswerter Qualität umsetzt.
Ein Verdienst Zimmermanns ist es aber dennoch, dass er ein so schwieriges und komplexbeladenes Thema wie das der Judenverfolgung nicht mit der althergebrachten monotonen, vor Trauer und Geschichtsbewusstsein erstarrten Erzählweise verfolgt, sondern dass er sich dieses Themas mit sehr viel Fingerspitzengefühl für Humor, Ironie und mit einem Schuss Zynismus angenommen hat.
So finster es in den Köpfen der Menschen in Polna bleibt, "Die Nacht hinter den Wäldern" bringt auf jeden Fall Licht in den literarischen Umgang mit diesem schweren, noch nicht historisch gewordenen Thema.

Peter Zimmermann: Die Nacht hinter den Wäldern, Deuticke 2000__ISBN_3216305252