: Gut gekillt, Löwe! - mindestens haltbar bis: 01.01.2000 .::

text: thomas weber

 

"Ein Paar sollte seine Schmutzwäsche niemals vor Fremden waschen." Nur daß Vitor kein ganz Fremder ist und Jorge und Helena nicht gerade ein Traumpaar sind. Deswegen packt Helena ("eine gealterte Frau – ein doppelter Nachteil in der menschlichen Gesellschaft") ihr Waschbrett gleich am Wohnzimmertisch aus und rubbelt frisch drauf los. Daß sie Jorge damit vor ihrem gemeinsamen Jugendfreund Vitor bloßstellt stört sie dabei nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil, denn der mischt sich schließlich auch noch ein. Frei nach dem dilettantischen Leitsatz "gemeinsam ist besser als einsam" haben sich Vitor, ein mehr als unsympathisch dargestellter Macho, und Helena gegen ihren Mann verschworen. Doch Jorge ist Trinker und kein Mann wie ihn vielleicht Karl May oder Hemingway beschrieben hätte. Vielmehr ist er ein Loser, ein klassischer Typ zum Plärren. Nur ein letzter Funke Selbstachtung scheint ihn daran zu hindern, vor (später:) versammelter Familie in Tränen auszubrechen. Möglichkeit zum Rückzug hat er keine, er schluckt – im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. 

Der nur halb involvierte aber kommentierende Erzähler ist ein weisungsgebundener Chronist des Bösen. Gewissermaßen vom Teufel persönlich pragmatisiert. Er hat die diabolische Weisung, den ganzen Abend (den 31. Dezember 1999) über auf Jorge aufzupassen, ihn am Selbstmord zu hindern. Denn sein Auftraggeber plant um Punkt 0.00 Uhr 2000 die Welt untergehen zu lassen. Krepieren sollen dabei gefälligst alle gemeinsam. Keiner soll sich vorher freiwillig verabschieden. Wieso, das bleibt ungeklärt – wahrscheinlich handelt es sich schlicht und einfach um eine Marotte des Teufels...

Rui Zinks in Portugal bereits 1996 erschienenes Buch ist im weitesten Sinn ein Roman, vielleicht aber auch eine theatralisch arrangierte Erzählung. Genau genommen dürfte es kein formal vergleichbares (deutschsprachiges) Buch geben. Inhaltlich tauchen mitunter Passagen auf, die an Edward Albees "Who´s afraid of Virginia Woolf?" (1962) erinnern. Daß wir es bei Rui Zink mit einem derart genialen Bloßsteller unserer alltäglichen Psycho-Kämpfe zu tun haben, das hat sein Erstling "Hotel Lusitano" (deutsch: 1998) noch in keine Richtung angedeutet. Einen "Machiavelli für Frauen", Kleinbahnsammler oder für wen auch immer kann man sich jedenfalls sparen. Denn in "Apokalüpse Nau" unterrichtet ein Abgesannter des Bösen selbst. Und der muß sich ja schließlich auskennen. Ein Sprüchlein fürs Stammbuch gefällig? "Macht haben besteht darin, andere zu überzeugen, daß man Macht hat." Wie wahr! 

Zink, Rui: "Apokalüpse Nau", aus dem Portugiesischen von M. Amanshauser, Deuticke Verlag Wien 1999