:interview__ rui zink

interview: thomas weber

Scheinheiligkeit & Wankelmut
Oder: vom Tod eines Kindes


Thomas Weber im Gespräch mit dem portugiesischen Schriftsteller und Talk-Star


Rui, bis jetzt sind nur zwei Deiner Bücher ins Deutsche übersetzt worden. Wieviele Bücher hast du insgesamt geschrieben?

Sagen wir sieben. Eigentlich sind es ja mehr, aber sieben ist eine schöne Zahl.

Und warum hat es gerade "Hotel Lusitano" und "Apokalüpse Nau" erwischt?

Diese Wahl hat mein Übersetzer Martin Amanshauser getroffen. Ich glaube, daß er Verbindungen zwischen "Hotel Lusitano" und seinem Stadtkrimi "Im Magen einer kranken Hyäne" gefunden hat. Beide handeln von Städten die wir lieben: Lissabon und Wien. "Apokalüpse Nau" war wahrscheinlich bis vor einigen Wochen mein bestes Buch. Mitte April ist ja mein neues Buch fertig worden und das ist zumindest erzähltechnisch das Gewagteste...

In Portugal bist Du ein TV-Star. Das wirkt sich sicherlich auch auf die Verkaufszahlen Deiner Bücher aus...

Das mit dem "Star" sagst Du! Aber bis zu einem gewissen Grad stimmt das natürlich, die Leute kennen mich. Von jedem meiner Bücher verkaufe ich in Portugal so zwischen zwölf- und fünfzehntausend Stück. Es gibt zwar nicht viele, aber doch ein paar Schriftsteller, die mehr verkaufen.

"Apokalüpse Nau" erinnert mich teilweise an Edward Albees absurdes Stück "Who`s Afraid Of Virginia Woolf"...

Der Gedanke kam mir bis jetzt nicht, aber jetzt wo Du es sagst. Einverstanden! Das sind die Leser, das ist das Leben und das ist Literatur: immer irgendwelche Querverbindungen, immer wieder werden "proxys" hergestellt – die Leser sind wie Computerprogrammierer. Beide – mein Buch und Albees Stück – behandeln das gleiche Konzept: : there's no violence like homemade violence. Miam!

Du bist gerade mit einem neuen Buch fertig geworden. Wovon handelt es und wann wird es übersetzt?

Frag meinen Übersetzer, frag meinen Verlag. Ich glaub` aber schon, daß es übersetzt wird. Es ist gedanklich viel tougher als "Apokalüpse Nau" – aber nicht sprachlich. "Apokalüpse Nau" ist das ganze Leben an einem Tag. Das Neue ist ein Leben in einem Jahr. Auf Portugiesisch heißt es "o suplente", zu Deutsch ungefähr "Der Ersatz", aber nicht genau. Der "suplente" ist der Ersatzspieler auf Portugiesisch, der Begriff hat aber eine auch die Nebenbedeutung "der niedrige Angestellte, er Botendienste verrichtet". Letztendlich handelt "o suplente" vom absoluten Horror: vom Tod eines Kindes. Spannend, nicht? Find ich auch.

Ich hab gehört, daß Du politisch ziemlich aktiv bist. Stichwort: Verkehr.

Hm, das neue Buch behandelt das Thema auch am Rande. Dazu mußt Du aber wissen, daß es in Portugal zwischen drei- und fünfmal so viele Verkehrstote gibt wie im Rest Europas – inklusive Griechenland!
Es liegt also auf der Hand: Irgendwas kann da nicht stimmen. Mein Ziel ist es, der Öffentlichkeit dieses Gemetzel bewußt zu machen und klarzustellen, daß ein Großteil dieser "Unfälle" vermeidbar wären. Das ist ein ganz pragmatisches Anliegen, dabei geht es um Leben und um Lebensqualität

Deine TV Talk-Show hast Du gemeinsam mit einem dezidiert Rechten co-moderiert. Ihr habt euch schließlich geeinigt, die Show zu beenden, weil ihr euch zu gut verstanden habt. Stimmt das?

Klingt da für Dich so befremdend? Mein Motto ist, gegenüber allem offen zu sein. Freunde ich mich nur mit Leuten an, weil ich einige Überzeugungen und politische Ideen mit ihnen teile? Das hört sich für mich nach einem ziemlich gefährlichen Prinzip an...

Aber Du bist in Portugal so etwas wie eine Symbolfigur, eine Gallionsfigur der Linken?

Hm, ja. Ich bin als left wing guy bekannt. Als ich in Wien war, bin ich auch auf den Anti-Haider-Demos gewesen. Aber keine Frage, für manche Leute bin ich zu heterodox. Etwa weil ich nichts von diesen traditionellen moralistischen Ansichten über Amerika oder Pornographie halte. Ich rate allen, mich auf keinen Fall als "Held" der Linken zu sehen. Sonst fühlen sie sich am Ende betrogen, weil ich ganz sicher kein Erbe von Robespierre, l'incorruptible bin. Wenn ich will, dann kann ich sogar ziemlich korrupt sein.

Und warum hast Du Deine TV-Karriere beendet?

Es ist verdammt langweilig geworden. Drei Jahre lang habe ich jede Woche live alles das rausgelassen, was mir in den Sinn kam. Spaß, klar, aber verdammt anstrengend und zehrend. Aber wer weiß, vielleicht reizt mich die Sache ja wieder einmal.

Als Du diesen März in Wien warst, hast Du an den Demonstrationen gegen eine Regierungsbeteiligung von Jörg Haiders Freiheitlichen teilgenommen. Gerade Portugal geht auch jetzt noch sehr scharf gegen die österreichische Regierung vor. Kannst Du das aus portugiesischer Sicht genauer erläutern?

Nun ja. Manche meiner linken Freunde waren schockiert, daß ich nach Österreich fahre. Für Dich klingt das sicher sehr dämlich. Aber ich tendiere schon dazu, die offizielle politische Haltung Portugals gut zu heißen.
Aus einem einfachen Grund: Es ist eine Warnung. Es ist unfair, das ist klar, weil sich ohnehin niemand wirklich vor Österreich fürchtet – aber vor Deutschland und Frankreichs Le Pen. Ein bisschen scheinheilig ist das schon. Man darf dabei aber nicht vergessen, daß Scheinheiligkeit genauso zur Demokratie gehört. Hypocrisy ist ein ziemlich negativ besetzter Ausdruck, der manchmal mit einem Mangel an Fairneß einher geht. Aber es kann schon einmal vorkommen, daß man nervös wird, wenn eine Partei wie die Haiders alle anderen in puncto Scheinheiligkeit und Wankelmut übertrifft. Außerdem gibt es da ja noch den österreichischen Kanzler. Der ist für mich noch viel sinisterer als Haider. Aber keine Angst! Portugal wird nicht in Österreich einmarschieren.



"Hotel Lusitano" und "Apokalüpse Nau" sind im Verlag Deuticke erschienen (www.deuticke.at)