schultze gets the blues (OV: dto.)

Start: 04.06.04
Lšnge: 114 min
Von: Michael Schorr (Buch & Regie), Axel Schneppat (Kamera)
Mit: Horst Krause, Harald Warmbrunn, Karl-Fred Müller, Ursula Schucht, Hannelore Schubert, Erwin Meinicke, u.a.

Viel hatte das deutsche Qualitätskino zuletzt ja nicht mehr zu bieten, umso größer war die Überraschung als 2003 in Venedig plötzlich Michael Schorr und sein Werk "Schultze gets the Blues" quasi aus dem Nichts auftauchten und stante pede auch gleich mit dem Spezialpreis für die beste Regie bedacht wurden.

Schultze (Horst Krause) ist der gelebte Durchschnitt. Zwei Dinge sind es die seinem Leben einen Sinn geben, die Arbeit und das Akkordeon. Doch wie überall, ist auch im Mansfelder Land, südlich von Berlin, Stillstand angesagt - Konsequenz: Frühpension. Antriebslos heißt die tägliche Tour nun nicht mehr Schacht-Bett-Schacht, sondern Wohnzimmer-Dorfkneipe-Bett. Der Lebensweg bis ins Grab scheint vorgezeichnet, bis den kauzigen Schweiger plötzlich eine im Radio aufgeschnappte Zydeco-Melodie völlig aus der Bahn wirft. Es ist kindliche Neugierde, dann Begeisterung die ihm ins Gesicht geschrieben steht, als er sein ausschließlich Polka gewohntes Akkordeon den Südstaaten-Blues blasen lässt. Und mit der neuen Musik kommt plötzlich auch neuer Tatendrang in Schultzes Leben. Als sich die Möglichkeit bietet, sein kleines Provinznest bei einem Wurstfest in der texanischen Pampa zu vertreten, packt er die Gelegenheit beim Schopf und setzt über. Ein Mann, sein Instrument und die Fremde.

Während Horst Krause sich brillant von Einstellung zu Einstellung schweigt, sind es die teils dokumentarisch, teils improvisiert wirkenden Bilder von Kameramann Axel Schneppat die das Sagen haben. Das dabei weder Text noch Subtext verloren geht, darf Regisseur Michael Schorr angerechnet werden, der mit "Schultze gets the Blues" nämlich nicht nur sämtlichen filmtechnischen Konventionen trotzt, sondern es auch schafft eine Brücke zwischen den Filmen von Aki Kaurismäki und Helge Schneider zu schlagen.

Nicolas Ossberger