russian ark (OV: russkij kovcheg)

Start: 12.09.03
Lšnge: 95 min
Von: Alexander Sokurow (Buch & Regie), Tilmann Büttner (Kamera)
Mit: Sergej Dreiden, Maria Kusnetsova, Leonid Motskovoi, Jelena Zukowa, u.a.

Werke wie Alexander Sokurows "Russkij kovcheg" gehören zu jenen seltenen Exemplaren, die einem alle paar Jahre wieder daran erinnern, welch ein phantastisches Medium der schier unbegrenzten Möglichkeiten Film doch sein kann.

Es bedurfte jahrelanger Vorbereitungen, bis Sokurow und sein deutscher Kameramann Tilmann Büttner die Zeitreise durch 300 Jahre russischer Geschichte an einem Drehtag, in einem Take abfilmen konnten. Ein Hard-Disk System zur Speicherung von gut 90 Minuten Bildmaterial musste entwickelt werden, von der notwendigen Logistik dieser an Statisten wahrlich nicht armen Produktion gar nicht zu sprechen. Mühen die sich schlussendlich aber alle bezahlt machen sollten, hat das gesamten Team mit "Russian Ark" doch weitaus mehr als nur eine rekordverdächtige Spielerei, ein technisches Unikum geschaffen. Nie war Geschichte lebendiger zu erleben, war man mehr mittendrin statt nur dabei. Gemeinsam mit einem russischen Filmemacher aus der Gegenwart (hinter der Kamera) und einem sich dem Zynismus hingebenden französischen Diplomaten aus dem 19. Jahrhundert (davor), schlendert, tanzt, gestikuliert man durch 33 Zimmer der St. Petersburger Eremitage, vorbei an Peter dem Großen der gerade einen seiner Generäle auspeitschen lässt, der letzten Zarenfamilie, die der heranrückenden Revolution trotzend ein feudales Mahl einnimmt, vorbei auch an Katherina der Großen, gerade im Vorbereitungsstress einer Theateraufführung, hinab in einen riesigen Prunksaal zum letzten königlichen Walzer bevor es 1913 schlägt.

Situationen in denen Tilmann Büttner zwangsläufig Veränderungen an seiner Steady-Cam vornehmen musste, operiert Sokurow mit quasi optischen Schnitten, lässt das Bild heranzoomen oder ein Detail besonders hervorheben. Der entstehende Effekt erfüllt seinen Zweck, ohne echten Schnitt geht die Reise weiter. Es darf als echte Meisterleistung angesehen werden, dass "Russian Ark" niemals wie ein heischender Techno-Fetisch wirkt, sondern ganz im Gegenteil, das kleine Filmwunder vollbringt das Ton, Bild und Zeit auf gleicher Ebene existieren.

Nicolas Ossberger