Jim White
No Such Place
(Luaka Bop/Virgin)

Wieder so einer, den der unermüdliche Talent-Scout und Ex-Talking Head David Byrne aus dem Lichte seiner wohl unerschöpflichen Magic Lantern für Luaka Bop hervorzaubert. Angetan vom unkonventionellen Sound des Multi-Instrumentalisten White war er nicht unmaßgeblich an der Produktion des 97er Debutalbums Wrong-Eyed Jesus beteiligt. Einem Kunstwerk, das schon damals durch spröde Eleganz und sensiblem Songwriting die Talente des Allrounders erkennen ließ. Die logische Folge konnte also nur das zweite Album No Such Place sein. Diesmal mit freundlicher Unterstützung von Andrew Hale, Sade/Sweetback Keyboarder, und auch in dessen Studios eingespielt. Noch runder, noch voller der Sound und bildhafter die Lyrics. Wer mag schon mit Handschellen an einen Baum im Staate Mississippi gefesselt sein? Für Jim White anscheinend keine allzu große Sache. Immer wieder schimmern zwischen seinen mystisch skurilen Zeilen die Jugenderinnerungen an jenes Jesus-Happy Nest Pensacola in Florida durch, in dem er Teile seiner Kindheit verbrachte.
Dann die großartige Musik, genial in ihrer holprig fließenden Struktur deren traditionelle Grenzen White immer wieder spielerisch durchbricht. Klare, typisch amerikanisch bohrende Stimme, von Banjo und Dobro, Slide-Guitar, Mandoline und Autoharp begleitet, unterstützt von Steve Terry´s Drums und wieder Andrew Hale an den Tasten. Dazu Paul Denman, ebenso alter Sade-Weggefährte und Sweetback Bassist. Dafür daß zeitgemäße Elektronik nicht zu kurz kommt, sorgen verirrt haltlose Samples, die zwischen liederlichem Bluegrass und whiskeygeschwängertem Country-Blues nach festem Boden suchen. Hinter alldem ein Mann mit der Hand am Saiteninstrument, der den Alptraum aller Gitarristen erlebte: bei einem Arbeitsunfall wurden Michael D´Pratt, so sein bürgerlicher Name, drei Finger oben erwähnten Körperteils "zu blutigem Hamburger zerquetscht". Daß er der Meinung ist von da an Töne erst richtig begreifen und spielen gelernt zu haben, verdeutlicht den schwarzen Humor, der die Genialität dieses Tonartisten und seiner Musik ausmacht.
(space cap)

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0 = zu kurz eingesetzt
1 = absoluter beginner, fußball-schuhe abgeben
2 = unterliganiveau
3 = ab auf die bank
4 = mehr recht als schlecht
5 = licht & schatten
6 = unterm strich ein plus
7 = ein lichtblick
8 = hut ab
9 = schneckerl, schau' her
10 = solche kicker braucht das land

notenschluessel courtesy of täglich alles.