Column One
Electric Pleasure
(Alice in Wonder)

Auszug aus >Column One< Manifest/Selbstdarstellung:

>Column One formierte sich 1992 als Musik- und Performanceprojekt aus einer Gruppe von Super8-Film-Aktivisten in Potsdam. Mit Video-, Klang- und Rauminstallationen entlarven die Akteure die Realität als irreal. Philosophische Grundidee ist der "Radikale Konstruktivismus" &Mac246; die Art und Weise, wie Menschen ihre Wirklichkeiten erschaffen. <

Bei einem diesjährigen Happening in Berlin sollte an gleich zwei Live-Abenden sowas wie >60erJahre SciFi und die Zukunft elektronischer Musik< dargeboten werden. Viele Eindrücke, von >tapes< alter >Sci-Fi-Filme<, also Sprachsamples, über analog blubbernde Synthie-FX, man denke nur an >Forbidden Planet<, bis hin zu modernen computergenerierten Lebewesen (Anfang der 1990er auch >Digital Lifeforms< genannt, Anm.) erfuhr das erstaunte Publikum. Filme, Videos, Bilder aller Art immer perfekt zum Rhythmus geschnitten, ja, >column one< können das, eine richtige >mind-machine< und sind schon daher besonders zu loben, anstatt in irgendwelchen Chatrooms im Hightechtalk über Framerates rumzuhocken, spielen >column one< live und erschaffen diese >temporäre Parallelität<. Atemberaubend!

>Electric Pleasure<, eine CD mit 13 Tracks, erschien als eine Art Erinnerung/Tondokument in limitierter Auflage und diese bildet die Überraschung des Monats. Super Hightech Electronica (Granularsynthese vom Feinsten, Tapeloops aus Filmen des US-1950/60er SciFi, alte Synthiegurgler, aemäßige scharfkantige Drums, die dann auch feste elektromäßig loslegen, unterbrochen/pausiert von mächtigen, schön strukturierten Geräuschkulissen (z.B. ein UFO landet Anm.), und ab die Post!

Naja! Es dauert ein bißchen, bis Schwung in die Bude kommt. Track 4: Die rhythmischen Passagen erinnern an >Lassigue Bendthaus< aber spleeniger, durchaus >snappy<. Feine Beats und alles Stereo. Vielfach kommt sowas wie >interstellare Einstrahlung< durch den Äther und es klickt und knistert, Leerrillen vergammelter Vinyl-Relikte, Ventile öffnen sich und schließen, whitenoise cut up, eine bunte Mixtur. Langeweile kommt hier bestimmt nicht auf, es ist aber auch anstrengend, vor allem die selbst gesprochenen Vocoderstimmen. Schon bei >Kraftwerk< was es das Problem, das >hölzerne< deutsche Deutsch und wenn das vocodiert wurde, konnte es allzuleicht ins kindlich/infantile gehen. Letzters ist hier das Fall und es nervt, vor allem, weil es immer wieder kommt und doch nicht gleich ist, ich meine, wir hören viele verschiedene Vododer-Arten, aber das hölzene Deutsch bleibt. Ansonsten steckt die CD voll guter Ideen und ist gut gespielt/programmiert. Und den Freaks sei verraten, daß hier wirklich viele neue Sounds enthalten sind, die man in der Form sicher noch nie gehört hat, ein Stück Zukunft also. Die Roboter auf dem Cover halten sich zwar die Ohren zu, aber so atonal ist es doch gar nicht. Schriller Tip!
(ernstl)

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0 = zu kurz eingesetzt
1 = absoluter beginner, fußball-schuhe abgeben
2 = unterliganiveau
3 = ab auf die bank
4 = mehr recht als schlecht
5 = licht & schatten
6 = unterm strich ein plus
7 = ein lichtblick
8 = hut ab
9 = schneckerl, schau' her
10 = solche kicker braucht das land

notenschluessel courtesy of täglich alles.