FEAR FACTORY
Digimortal
(Roadrunner Records)

Eine leise Ahnung kriecht in den Mentalmetalchip: Es könnte vielleicht ein unterschätztes, fehlinterpretiertes und achtlos abgelegtes Werk von Fear Factory werden. Anhänger der ersten Extrem-Stunde werden auf jeden Fall angesichts des neuen Soundoutfits kurz erstarren: Verringerte Aggressivität, kalkuliertere Energieverwendung, mehr Harmonie statt ausufernd rüder Kompromißlosigkeit. Kein Vergleich mit dem Klassiker "Demanufacture" und seiner Härtliga. Nach einigen Umläufen legt sich die anfängliche Enttäuschung, die Scheibe entwickelt sich, offenbart zahllose Feinheiten. Jene US-Formation, die mit ihrem Cyber-Industrial-Thrash zu den orginellsten und intensivsten Acts zählt, liefert letztlich hochwertigen Content. Fear Factory 2001 sind grooveorientierter, eingängiger und kompositorisch viel gestraffter. Ihre Trademarks sind dabei erhalten geblieben: Der extreme Kontrast zwischen melodiösen Vocals und derben Stakkatos, das Wechselspiel von sterilen Maschinenbeats und messerscharfen Emotionsriffs. All das passiert in einem weniger radikalen Umfeld, wie der Titeltrack beweist: Plötzlich geht der Refrain nicht mehr aus dem Ohr, plötzlich verfügen FF über die Fertigkeit des Hitschreibens. Völlig unerwartet kommt die Erleuchtung keineswegs, denn es war immer schon ihre große Stärke, aus ungemein brutalen Parts plötzlich betörende Melodien hervorzuzaubern. Trotz der wie gewohnt unter die Haut kriechenden düsteren Atmosphäre finden sich immer wieder erstaunlich kommerzielle Songs: "Invisible Wounds (Dark Bodies)" klingt nach einer brachialen Version von Depeche Mode, "What Will Become" kratzt gekonnt an Mainstream-Bekömmlichkeit. Besonders stark ist weiters der Einsatz der von Producer Rhys Fulber hauchzarten Synthielines: Sie flirren subtil im Hintergrund, erzielen aber massive Wirkung. Headphones auf - go. Dem Kontext angepaßt agiert Frontmann Burton C. Bell: Er singt melodiöser und vielfältiger als je zuvor. Aber Vorsicht: Weniger heavy ist für Fear Factory-Verhältnisse immer noch derb genug. In ihren härtesten Momenten, dampft und schäumt die Scheibe wie ein Atomkraftwerk kurz vor der Explosion. "Byte Block" und "Hurt Conveyer" sind solch typisch deftige Tracks einer Gruppe, die auf "Digimortal" im Gegensatz zur Musik ihre textliche Linie konsequent weiterführt: Rasante Achterbahnfahrten durch emotionelle Abgründe und symbodurchflutete Finsterszenarien, mit Zwischenstopps an den Feelingkreuzungen Verzweiflung, Wut, Aufbegehren und trotzigem Optimismus. Mensch gegen Maschine, Begehren gegen Struktur, Individualität gegen Konformismus. Insgesamt verlangen Fear Factory 2001 zwar einige Durchläufe mehr als vielleicht grundsätzlich erwartet – aber es lohnt sich. Eine spannende, ungewöhnliche und exzellente Scheibe, die unaufhaltsam einsickert und Zweifel zerstört. Es darf kein unterschätztes, fehlinterpretiertes und achtlos abgelegtes Werk werden.
(christian prenger)

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0 = zu kurz eingesetzt
1 = absoluter beginner, fußball-schuhe abgeben
2 = unterliganiveau
3 = ab auf die bank
4 = mehr recht als schlecht
5 = licht & schatten
6 = unterm strich ein plus
7 = ein lichtblick
8 = hut ab
9 = schneckerl, schau' her
10 = solche kicker braucht das land

notenschluessel courtesy of täglich alles.