Coil
Scatology
(World Serpent)

Der Re-Release des 1984 auf >Force & Form/k422< erschienen legendären Debüt-Albums >Coils<, digital remastered von Kumpel >Thighpaulsandra< und versehen mit einigen Bonustracks, hat an Obsessionen und Manien bis zum heuteigen Tage nichts eingebüßt.

Nur kurz zur Nachhilfe.: >Coil< wurde 1983 als Kopfgeburt von John Balance (>Psychic TV<) und Peter Christopherson (>Psychic TV, Throbbing Gristle<) gegründet, um neue, bis dahin unentdeckte tonale Strukturen zu erzeugen, aufzuwickeln, >Coil< bedeutet ja >Spule<, >Kondensator<. In grauer Vorzeit, als es noch keine Sampler gab, also vor 1983, blieb dem Elektronikmusiker nichts anderes übrig, als seine >field recordings< mittels >tapeloops< zu loopen, hin und her zu >spulen<. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite wollte man das Bekannte, das bereits Gelernte, Akzeptierte um 180 Grad umdrehen, eine schwarze Sonne (siehe auch >Solar Logde<, einer der stärksten Tracks auf dem Album) verschlingt die kleinbürgerlichen Moralvorstellungen, das Thatcher-England, Depression im ganzen Land)

>Scatology<, kurz nachgeschlagen im medizinisch-pathologischen Lehrbuch, bedeutet schlicht >Kotforschung<. Coil erschufen hiezu einen intellektuellen Überbau, eine Art >Anthologie<, mit schönem Artwork/Booklet und erklärenden Texten nebst Referenzen zu den einzelnen Tracks. Es beginnt mit Alfred Jarrys abstraktem Theaterstück >Ubu Noir<, zieht sich über >Tenderness of Wolves<, unvergessen: das Babygeschrei am Anfang, das Spinnett, die langsam immer näher kommenden >dark drones<, bis endlich heuchlerisch und einschmeichelnd, Gavin Fridays (Sänger von >Virgin Prunes<, Anm.) Vampyr-Stimme einsetzt und die Zuhörer in einen Strudel des Entsetzens und Begeisterung versetzt, sicher nichts für zart besaitete Gemüter. Das >Kotmotiv< verliert sich dann ein bißchen, zieht sich dann auf der B-Seite weiter mit >the sewage workers birthday party<, dazu zitiert man aus einem homosexuell-sadomasochistischen Holland>Porno<-Heftchen eine besonders garstig-grauslich/beunruhigende Story.

Apokalypse, Paranoia, Angst, die Leitmotive der 80er Jahre verschmelzen auf Scatology zu einer derart grauenerregenden Kosmogonie, daß es gar nicht anders kommen konnte, das Album samt Bonustracks abermals zu veröffentlichen (Immerhin! 17 Jahre danach). Die Bonustracks lauten: >Restless Day< (von der >Devastate To Liberate< compilation LP), >Aqua Regis< (war der erste Track auf >Panic< 12'') und >Tainted Love< (einst B-Seite der >Panic< 12''). Zu >Tainted Love< sei nur angemerkt, daß es wahrscheinlich die beste aller möglichen Coverversionen ist, langsam, trostlos und düster, atemberaubend!

Als fleißige Mitglieder des >Temple of Psychick Youth< steht zu befürchten, daß viel mit Drogen experimentiert wurde, siehe auch >How to destroy angles<, eine >one sided< ep aus dem Jahre 1984, die den Subtitel >ritual music for the accumulation of male sexual energy< trägt. Welche Fluida hier stimuliert werden sollen steht in den Sternen, Suicidgefährdete Erwachsene, Kinder und Hunde sollten am Genuß des akkustischen Spektakels nicht teilnehmen - aus rein psychischen Selbsterhaltungsgründen versteht sich. Wer also gerne anspruchsvolle, kontroversielle Musik sucht, Reizwortlyrik gekoppelt mit dunklem Habitus, dem sei dieser Re-Release besonders ans Herz gelegt. Coil sind ja sowas wie die Gottväter dieser Stilrichtung, wurden oft kopiert, aber nie erreicht.
(ernstl)

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0 = zu kurz eingesetzt
1 = absoluter beginner, fußball-schuhe abgeben
2 = unterliganiveau
3 = ab auf die bank
4 = mehr recht als schlecht
5 = licht & schatten
6 = unterm strich ein plus
7 = ein lichtblick
8 = hut ab
9 = schneckerl, schau' her
10 = solche kicker braucht das land

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