While
Slip
(Chocolate industries)

Der zweite Longplayer (weißes Doppelvinyl, mjammm!) auf >Chocolate Industries< ist die logische kausale, ja fast zwingende Fortführung der noch wohlig in Erinnerung gebliebenen harmonischen Obsessionen des vor zwei Jahen erschienen >Lock< (ebenfalls >Chocolate Industries<). Wer hinter all dem steckt, scheint wohl eines der bestgehütetsten Geheimnisse morderner elektronischer Musik zu sein, auch der Herkunftsort regt zu mannigfaltig-fragwürdigen Spekulationen an. Wahr ist jedoch: >While< ist ein - wie soviele - One-Man-Projekt lokalisiert irgendwo bei Washington/Baltimore, USA also. Der allererste Release >seek<, an den sich mein geplagtes Bithirn erinnert, erschien im Jahre 1999 auf dem inzwischen rennomierten Label >Musik aus Strom<, heute wahrscheinlich längst vergessen.

In meinem Kopf dreht sich der Melodienreigen aber unaufhörlich weiter. >Seek<, das eine anhaltende Kaskade an Four-Letter-Words-Album-Titel einläutete, war sanft melodiös, ein bißchen wie ältere >autechre<, ein bißchen wie >aemic/aleph, andre estermann< (alle auf >Musik aus Strom<), und auf jeden Fall in derselben Programming-Liga wie >Randa Roomet< (>Phoenecia< auf >Warprecords<). Dieses >Randa Roomet< stellt ja an sich überhaupt einen Ankerpunkt, ein Bookmark, würde man heute sagen, dar. Kalte Technik begann zu fühlen, Computer zu denken. Ich scherze und komme vom Thema ab.

>Slip< ist eines der besten Elektronikalben jüngeren Datums, >While< einer der besten Protagonisten dieses Genres. Von oberflächlichen Kritikern gerne als >autechre-rip off< abgetan, hat sich wahrscheinlich niemand seine Alben wie >seek< oder >lock< richtig angehört, oder besser: sich fallengelassen in diese unheimlich dicht atmospherischen Klanggebilde. Charakteristisch für While sind akkuratest gespielte Tonabfolgen, stets in moll und/oder pentatonisch, die Wissenden unter euch haben es ja schon längst gemerkt, das eine schließt das andere nicht aus, immer in Kombination mit magnetischen, hypnotischen Beats/Loops, die durchaus aus >autechres< Loopsammlungen stammen könnten. Es wird also geknirscht und geknartzt und aus dem mitunter extrem basslastigen (sic!) Fundament heben langsam Wavetables an, konterkariert und überlagert durch mal fast bläser- oder gong/klavierartige Synthiesounds und verwirren den aufgeschlossenen Elektronikliebhaber gleich zweifach: Durch fantastische Klänge, von denen man einfach nicht genug kriegen kann und ? simpelste Melodien. Simpel, aber nicht einfach ? müßte man sagen. Mathematische Mäander, Pools voller Molls, bestechend. Sie graben sich in deinen Kopf, die Musik spielt noch weiter, hermetisch geschlossen. Man wird sie einfach nicht mehr los, will sie immer und immer wieder hören.

Früher hätte man sowas wahrscheinlich >Psychoakkustik< genannt. >While< selbst ist bekennender >Throbbing Gristle< Enthusiast, das macht vieles nachvollziehbar, erklärt aber nichts. Dort, wo sich Elektronik, Experimentierfreudigkeit, Field Recordings und klassische analoge Elektronik die Hand reichen, irgendwo in der Grauzone zwischen Wachsein und Schlaf tummelt sich >While< und spielt traumversunken seine Melodien zu den harschen Beats.

Lobend erwähnt sei auch noch >while<s kurzer, aber intensiver Ausflug in die Welt der Hiphop-Beats (Die zwei Maxis >Haze< und >Haze remixed<, beide auf >Chocolate Industries<). Hier zeigte er sich mal von seiner eher heiteren Seite und verwöhnte seine - mutmaßlich - marginale Fangemeinde mit zahlreichen >locked grooves< aus der hauseigenen Soundsammlung.
Schwer zu bekommen aber das Hör-Erlebnis rechtfertigt jede Anstrengung.
(ernstl)

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0 = zu kurz eingesetzt
1 = absoluter beginner, fußball-schuhe abgeben
2 = unterliganiveau
3 = ab auf die bank
4 = mehr recht als schlecht
5 = licht & schatten
6 = unterm strich ein plus
7 = ein lichtblick
8 = hut ab
9 = schneckerl, schau' her
10 = solche kicker braucht das land

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