310
After All
(Leaf)

Manchmal sind Zufalls- oder Not-Käufe die besten. 310s zweiter Longplayer für Leaf Records (insgesamt ihr vierter Relase) zählt sicherlich zu den interessantesten Neu-Erscheinungen des Jahres.

Joseph Dierker (Seattle) und Kollege Tim Donovan (New York) schaffen mit der spielerischen Vielschichtigkeit der Kreativen die Quadratur des Kreises, indem sie Minimalavantgarde, collagenartig aufbereitete Ambience-Teppiche, fette Hiphop Beats, Reminiszenzen an 70er US-Soundtracks, Ragarhythmen, Radiotapes, Jazzfunk, all das wie Ingredienzen eins Zaubertranks ineinander rühren, filtern, zu einem audiophilen Erlebnis der Extraklasse mischen.

Großartige Musik quer durch den Gemüsegarten mit so vielen Schattierungen, daß Beschreibungen wie >emotionales Wechselbad< noch stark untertrieben wären. Laut Tim Donovan hatten die 9 Stücke schon während der recording sessions einen nicht unwesentlichen therapeutischen Effekt, waren die letzten Jahre doch etwas hektisch. Die Harmonien bleiben griffig und einfach (Wunderbar das Gitarren-Lick des Openers), manchmal hallt es wie Lieder unserer Kindheit, Erinnerungen an lange Vergangenes, verträumt und schläfrig plätschern die Sounds dahin bis der Alltag wieer anbricht und derStraßenlärm unsere Träume zunichte macht. Downbeat angereichert mit Ethno-Percussions, Ansätze experimenteller >World Music<.

Assoziationen zu Jah Wobbles "Invaders of the heart” (Without Judgement, kk records 1989) drängen sich auf, der sporadische Gesang von Andrew Sigler, der "310” auch bei Live Einsätzen in Europa unterstützt, erinnert ein bißchen an Sir Freddie Viadukt, den grotesken "Minister of Noise” (Releases auf Peaceville, 1990; KK 1991).

Alles in allem ungemein eigenständig. Aus den Ideen, die hier in jeder einzelnen Nummer stecken, machen Minderbegabte für gewöhnlich ein ganzes Album wenn nicht zwei. Faszinierend und spannend vom Anfang bis zum Ende.

Die Art und Weise, wie Joseph Dierker und Tim Donovan ihre Musik-Dub-Stücke produzieren, muten fast anachronistisch an. Ausgerechnet in einer Zeit, wo taube Trendfetischisten von mp3-Format, Minidiscs und ähnlichem Schrott fabulieren, schwören die beiden Soundexperten auf Tapes (sic!), die sie sich gegenseitig quer über den Kontinent schicken, per Post wohlbemerkt, nicht per email! So bilden sie Schicht für Schicht, Spur für Spur, bis zum finalen Mixdown.

Die gute alte Cassette kommt also wieder zu Ehren und beweist zum x-ten Male, daß analoge Aufnahmen deutlich mehr Athmosphere und Druck erzeugen als digitale.

So richtig zum Zurücklehnen und Entspannen regt 310s Album aber nicht an, zu kontroversiell und unterschiedlich ist das verwobene Material. Das Dargebotene läßt einen nicht mehr los, verselbständigt sich im Graubereich zwischen Wachsein und Schlaf, wie halberinnerte TV-Screens, die langsam ausblenden.

Empfohlen allen Audiophilen, die in ihren Hörerlebnissen mehr als kommerzielle Berieselung suchen, ihre Zeit lieber lieber mit akkustischen Impressionen verbringen, die durchaus das Zertifikat "Widescreen” verdient haben.
(ernstl)

www.310.org

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0 = zu kurz eingesetzt
1 = absoluter beginner, fußball-schuhe abgeben
2 = unterliganiveau
3 = ab auf die bank
4 = mehr recht als schlecht
5 = licht & schatten
6 = unterm strich ein plus
7 = ein lichtblick
8 = hut ab
9 = schneckerl, schau' her
10 = solche kicker braucht das land

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