Squarepusher
My red hot car 12inch
Go Plastic DLP
(Warp)

Nach "sanfteren" Releases wie "Selection Sixteen" oder "Maximum Priest", wessen Tom Jenkinson schon fast den Ruf eines "Jazz-Addicts" bekam, begibt sich der Meister des Drum’n’bass-Loophächselns mit seinen 2 neuen Werken wieder zurück in den sicheren Hafen dessen, was ihm am besten liegt, nämlich:

Wieviele Beat-Schnipsel kann man in eine 10tel Sekunde (Erdzeit) pressen, ohne daß der geneigte Hörer einen Gehirnschlag erleidet?

Die Maxiauskopplung "My red hot car" hat wirklich gute Chancen zum ultimativen Hit des Sommers zu werden und das trotz des grauenhaften Covers. Eine tolle "catchy" Melodie, saubere Hooklines und, man glaubt es kaum, Gesang. Der Song erinnert stark an Aphex Twins "Window Licker" 12‘‘ (Warp 2000), die Affinität wird alleine durch die Verwendung quasi altmodischer "Drum n bass loops" gebrochen. Es erübrigt sich auf die einzlenen Mixes näher einzugehen, der "Girl" Mix fährt super ab und wer das nicht fürs Auto aufnimmt ist selber schuld.

Auf der Rückseite der 12inch befinden sich zwei völlig unrhythmische Stücke "Hardcore Obelisk" und "I wish you Obelisk". Soundmorphing, horröse Sounds, die an Tracks wie "Tundra" oder "Dimotane Co" (Feed me weird things, Rephlex 1996) erinnern, wirbeln durcheinander, erzeugen ein Inferno recht unangenehmer Empfindungen. Um schlüssige Musik handelt es sich hier nicht, soll es nicht sein, interessiert Mr Jenkinson in Wahrheit ja auch gar nicht.

"Go Plastic". Hier befindet sich Squarepusher in seinem Element. Breakbeat – Verschnitt aus Drumloops, Melodiekürzel, verfahrere Bässe, teilweise so zerrissen, daß ich den Hörvorgang abbrechen mußte. Sequenzing jenseits der 260bpm Grenze ist auf Dauer ziemlich unverträglich, außer vielleicht für ein paar Hacker-Nerds, für die ein 100Mbit Download das höchste der Gefühle ist. Der Loopsalat wirkt auch deshalb so zerrissen, weil er immer stoppt, abrupt wieder anläuft, sich gefiltert um sich selbst dreht, Maschinengewehrsalven am laufenden Band.

Das Problem dabei versteht sich von selbst. Die Nummern werden mit der Zeit recht eintönig. Monotonie durch Gewöhnung stellt sich ein, auch scheint der Samplepool Jenkinsons diesmal nicht so reichhaltig gewesen zu sein, das bewirkt zwar einen gewissen Wiedererkennbarkeitseffekt, sorgt aber auch dafür, daß es egal ist, welche Seite man auflegt, es klingt immer ähnlich. Auch auf einen Höhepunkt (dramaturgisch wohlbemerkt, nicht bpm-mäßig) wartete ich vergeblich. Die obig beschriebene Auskopplung "My red hot car" ist zugleich der Opener des Albums "Go Plastic" , danach ist Schluß mit der Gemütlichkeit. Wer jemals Christoph de Babalons geniales "If you are into it, I am out of it"(Digital Hardcore 1987) gehört hat, wird auch diese rauhen industrial-ambient Passagen kennen. Davon kommen auf der neuen Squarepusher nämlich auch genug vor.

Also: Ich werde das Gefühl nicht los, daß "Go Plastic" ein Schritt zurück ist. So zauberhaft und überraschend die Maxi "My red hot car" ist, so zerfahren und unentschlossen wirkt das Album "Go Plastic", auch beim zweiten Mal durchhören. Waren "Selection Sixteen" sowas wie die Zukunft des britischen Drum’n‘Bass und "Maximum Priest" einfach verdammt interessante Musik (inkl Autechre Mix), so klingt "Go Plastic" stellenweise anachronistisch (wie auch z.B Bogdan Raczinskys "Samurai Math Breaks", Rephlex 1999) Allein die noisigen, metallischen Drones erzeugen Spannung, erinnern an Vergangenes wie das großartige "Come on my Selector"(Big Loada, WARP 1997), Reminiszenzen an "Hard Normal Daddy" (Warp 1997) finden sich ebenso wie an "Music is rotted one note" (Warp 1998), dort befand sich ja auch "Don’t go Plastic", vielleicht hätte Tom Jenkinson ja auf sich selbst hören und sich mehr Zeit lassen sollen, na was solls, es tut gut zu wissen, daß er noch da ist und seine 1210er und Sampler malträtiert.

Empfohlen also allen, die Squarepusher noch nicht so gut kennen, aber auch allen, denen die älteren Werke besser gefielen als seine "musikalischeren" Eskapaden (etwa "Selection Sixteen" oder "Maximum Priest"), ansonsten gilt wie üblich: "Play it loud or not at all"
(ernstl)


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0 = zu kurz eingesetzt
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2 = unterliganiveau
3 = ab auf die bank
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8 = hut ab
9 = schneckerl, schau' her
10 = solche kicker braucht das land

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