The Dillinger Escape Plan
"Irony Is A Dead Scene EP"
(Epitaph/edel)

Nennen wir es programmatische Verstörung. Mit ihrer unglaublichen Bühnenpräsenz unterzogen sie auch als Support von "System Of A Down" ihre Publika diesem Procedere. "Es ist lustig die Gesichter der Kids zu beobachten, die nicht wissen, wie ihnen geschieht", kommentiert Ben Weinman (Gitarre) die Aufritte seiner Band. Dem Hauptact bleibt dann einfach keine andere Wahl als abzustinken.
"The Dillinger Escape Plan" live ist ein unfassbares, akustisches Gewitter aus Mach2-Riffs und Noise-Deathmetal mit einem Sänger, der sich den Nacken von Henry Rollins zum Vorbild genommen hat und seine Lungen durch ein vorgelagertes Brustmuskelkorsett schützt, damit sie beim Schreien nicht platzen. Stehfleisch ist den fünf Buben genauso fremd wie dem Duden, denn so eine Show ist, insbesondere unter Berücksichtigung der häufigen Tempiwechsel und Breaks, eine einzige Reise nach Rom.
Das nun auf eine Platte zu packen ist gemeinplötzlich kein leichtes Unterfangen, tatsächlich ist es unmöglich. Prinzipiell gehen die Dinge aber ohnehin den umgekehrten Weg, das heißt zuerst ins Studio, dann auf die Bühne. Dem jüngsten Produkt dieser Herangehensweise, einer 4-Track-EP "Irony Is A Dead Scene", verleiht ein gewisser Mike Patton, der sich als "Mr.Bungle" von "The Dillinger Escape Plan" supporten ließ, nunmehr als bekennender Fan als Gastsänger seinen Stimmwahnsinn. Manchmal auch durch eine Gasmaske gefiltert, wie es uns der beigelegte Videoclip weis macht.
Was passiert also, wenn eine Reihe musikalischer Grenzausloter aufeinander trifft? Ein überraschendes, ironisches (ha, ha) Ergebnis, meint auch Ben, "Die EP ist sicher das kommerziellste, was wir bis jetzt gemacht haben. Die Nummern haben ja richtige Melodien!" Popmusik, in Relation zum üblichen Output gesetzt: Wie man es von ihm bei "Mr. Bungle", aber auch "Fantômas" gewohnt ist, stellt Mike Patton Schreiwände in Stereo auf, die von ruhigen, gesungenen, fast gesprochenen Passagen unterbrochen werden.
Die eingangs erwähnte Intensität der Bühne spiegelt sich in den Songs weitgehend wieder, Riffs werden produziert, verwendet, wieder verworfen, als lohnte es sich nicht sie zweimal innerhalb eines Songs zu verwenden. Die ersten drei Tracks bieten mehr Abwechslung als die meisten veröffentlichten Longplayer und das Schlagobershäubchen kommt zum Schluss. "The Dillinger Escape Plan" scheuen nicht davor einfach Kausalitäten des Zeitpfeils zu ignorieren und eine Originalversion von "Come To Daddy" zu produzieren, die "Aphex Twin" schon Jahre zuvor gecovered hat. Der Patton hat seine Schuldigkeit getan und die Band auf ein neues Level gebracht. Ziemlich weit oben. (alm) 10/10

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0 = zu kurz eingesetzt
1 = absoluter beginner, fußball-schuhe abgeben
2 = unterliganiveau
3 = ab auf die bank
4 = mehr recht als schlecht
5 = licht & schatten
6 = unterm strich ein plus
7 = ein lichtblick
8 = hut ab
9 = schneckerl, schau' her
10 = solche kicker braucht das land

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