: shortcuts juni/juli 02 :


Papa Roach
Lovehatetragedy
Universal

Nichts Neues aus Schabenland. War es beim ersten Major-Album Infest noch der Reiz des Unbekannten und die sympathisch tapsige Art von Frontman (damals) Coby Dick, ist auf dem Nachfolger Lovehatetragedy der Alltag eingekehrt. Wieder angsterfüllte Texte von Jacoby Shaddix, wie Dick wirklich heißt, und wabernder Rock zwischen Punk und Nu-Metal. Immerhin, hie und da interessante Akkord- und Tempowechsel. Der große Kick bleibt aber versteckt. Vielleicht weil eben doch die musikalische Kapazität begrenzt ist. Wohl doch nur was für wirkliche Schabenfreunde.


Box Car Racer
Box Car Racer
Universal

Gleiches wie für Papa Roach gilt auch für die Blink-182-Ableger Box Car Racer. Stand schon bei Blink der musikalische Anspruch eher im Hintergrund hat sich mit Box Car Racer auch nicht viel verändert. Vielleicht geben sich Blink Sänger Thomas De Longe und sein Schlagzeuger Travis Barker eine Spur variabler aber am eigentlichen Sound hat sich nicht viel verändert. Die Mixtur aus Punk, Hardcore und Crossover ist nicht unbedingt ein Zeichen von Originalität. Durchschnittskost für Blinker.


Hot Water Music
Forever And Counting
Defiance/p.a.m.

Das zweite Album der vier Boys aus Gainesville gehört sicher zum Feinsten was Punk-Rock momentan zu bieten hat. In dieser Neuauflage ihres 1997er Albums wirken die teilweise überlagernden Wechselgesänge von Chuck Ragan und Chris Wollard noch intensiver und mitreißender. Gute Instrumentalarbeit in Verbindung mit passablen Lyrics lassen HWM zum respektierten Sprachrohr zorniger und unzufriedender Kids werden. Man darf gespannt sein.


Cary Hudson
The Phoenix
Glitterhouse/Hoanzl

Nun geht auch der Kopf von Blue Mountain seine eigenen Wege. Ohne Substanzverlust knüpft Cary Hudson an vergangene Werke an. Zwischen kräftigem Bluesrock und folkigem Country bewahrt der Mann aus Mississippi die Rock-Tradition der Südstaaten. Beeindruckend wie eh und je stimmliche Präsenz gepaart mit kompetentem Gitarrenspiel. Virtuose Feinarbeit zwischen Holzfäller- Robustheit und filigranem Fingerspitzengefühl. Neben Ryan Adams und Wilco´s Jeff Tweedy zur Zeit sicher die Creme des Country Rock & Blues.


Archive
You All Look The Same To Me
Warner

Einer der ganz heißen Newcomer des Jahres mit ihrem immerhin schon dritten Album - das Trio aus London. Gehörte schon das Debüt Londinium zu den schönsten TripHop Werken, geben Archive mit dem aktuellen Opus noch einen drauf. Die nun vom Rock überlagerten TripHop-Wurzeln verschwinden nie ganz, werden aber von einer schweren Melancholie überlagert. Psycho, preschendes Schlagzeug, Streicher und ein sechzehnminütiges Sound-Feuerwerk zeigen den neuen Geist von Alt-Boß Darius Keeler, Daniel Griffiths und dem neuen Sänger Craig Walker. Archive, das fehlende Glied zwischen Progressive Rock und TripHop.
Genial.


Lorien
Under The Waves
Sony

Wieder eines der Alben, bei dem Titel und Cover schon den Inhalt verraten. Auch hier voll getroffen orchestrale Unterwassermusik, verschwommen aber wunderbar kraftvoll vorgetragen. Wen sich das isländisch-italienisch-britische Trio zum Vorbild auserkoren hat, weiß jeder spätestens nach dem Genuß von Radiohead's The Bends. Hier wie dort gelungene Gitarren-, Keyboard- und Schlagwerk Arrangements. Wie weit am Plagiat mag jeder selbst entscheiden. Das Zeug zur gehobenen Popband haben Lorien allemal.


Goo Goo Dolls
Gutterflower
Warner

Auch nichts wirklich Neues bei den Goo Goo Dolls aus Buffalo. Außer das Frontman John Rzeznik älter geworden ist wie alle anderen auch. Wie der Sound auch die Lyrics geprägt von unerfüllten Hoffnungen und wie schön doch alles anders sein könnte. Was bleibt ist gelungener High School-Rock, immerhin noch voll Energie und Drive, mehr aber nicht.


Trey Anastasio
Trey Anastasio
Warner

Der Ex-Frontman des 1983 gegründeten US Rock-Phänomens Phish, Initiator der Gruppe Oysterhead mit Stewart Copeland und Les Claypool aus dem Vorjahr - nun auf Solowegen. Und was für welche. Da grooved und swingt es nur so, und der Schritt zum Jazz ist auch getan. Mit von der Partie neben einer Bläsergruppe, drei Groove-Experten und Anastasio's neunköpfige Band. Für den finalen Kick sorgt gelegentlich ein Streichquartett oder bei zwei Kompositionen sogar ein komplettes Orchester. Die Gefahr der Überproduktion bannt die immer bescheidene Rückbesinnung zum Rock. Ein gelungener Beweis für innovative Wege im Music-Biz.


Counting Crows
Hard Candy
Universal

Sicherlich das gelungenste Album der Kalifornier seit dem 93'er Debüt August And Everything After. Wie immer führen die schnörkellosen luftigen Arrangements direkt zum gewünschten Ziel. Da ist wieder die alte Frische und der Druck den Adam Duritz' Sound so überzeugend macht. Zeitlos, nicht antiquiert oder überladen - auch in dieser Form kann sich gängige Musik, vor allem dank so überragender Lyrics, präsentieren. Da machen selbst die oft strapazierten Songs über die American Girls wieder Spaß, und "Holiday in Spain" wird zum Alternative Hit 2002. Good morning L.A.


Coheed And Cambria
The Second Stage Turbine Blade
Defiance/p.a.m.

Was 1995 in der Nähe von New York begann, im Jahr 2000 erstmals konzeptable Formen annahm, hat nun mit The Second Stage Turbine Blade seinen Höhepunkt gefunden. Sänger/Gitarrist und Songschreiber Claudio Sanchez erzählt sein Science-Fiction Märchen von Liebe und Erlösung. Nein, eigentlich schreit er es in verzweifelten Ausbrüchen, begleitet von einer Band der komplexe Rhythmen und Tempiwechsel kein Fremdwort sind. So findet der ausgereizte Emo-Begriff in dieser innovativen Hardcore-Version ein rühmliches Highlight.


The Miles Hunt Club
The Miles Hunt Club
Edel

Miles Hunt, einstiger Kopf der Wonderstuff - deren stärkste Phase von den späten Eighties bis zum bitteren Ende 1994 lag - meldet sich nun mit neuem Trio zurück. Alles nicht wirklich neu, iregndwie schon mal gehört. Vielleicht beim Schotten Mike Scott und sein Waterboys. Dennoch scheint dem Engländer die Auszeit neue Kräfte zu verleihen. Teils hitverdächtiger Power Pop mit viel Melodiegespür, feiner Gitarrenarbeit und ansprechenden Lyrics machen das Album zu einem gelungenen Comeback. Vielleicht schafft er ja damit den längst fälligen Sprung in die Premier Division.


Jeb Loy Nichols
Easy Now
Rykodisc/Zomba

Mr. Bittersweet und Kopf der vergangenen Fellow Travellers macht es Easy Now. Sein drittes Solo nach Lovers Knot und Just What Time It Is in Jamaica eingespielt versprüht entsprechend viel der karibischen Reggae-Leichtigkeit, ohne Country- und Folkwurzeln untreu zu werden. Mit feinem Gespür werden die kunstvoll arrangierten Songs kleine Meisterwerke der Zurückhaltung ohne je an Intensität zu verlieren. Wunderschöne Songwriter Music, die aus dem Bauch kommt.


Lambretta
Lambretta
Universal

Das Made in Sweden für gute Popmusik steht, ist nun wirklich kein Geheimnis mehr. So haben Frontfrau Linda Sundblad und ihre locker rockende Band in Skandinavien schon kräftig Platin kassiert. Dafür daß dieses Edelmetal nun auch in südlichen Gefilden in Bewegung kommt sorgt das aktuelle Album samt ausgekoppelter Single "Bimbo". Nach dem Debüt Breakfast von 1999 wieder viel Dampf und Rock in allen Gassen. Dazu eine Stimme, die Kollegin Gwen Stefani in nichts nachsteht. Coole Schwedenbombe ( für unsere deutschen Freunde = Negerkuss) für heiße Sommernächte.


Remy Shand
The Way I Feel
Motown/Universal

Das Debüt des 23jährigen weißen Soulbruders auf Motown wird zum Album der absoluten Superlative. Zum einen spielt der Kanadier bis auf einige Saxofonläufe alle Instrumente selbst und ist zum anderen mit einem Organ gesegnet, das an die Kopfstimme eines Curtis Mayfield erinnert. Ist der samtweiche Soul eher an Marvin Gaye oder Stevie Wonder angelehnt, kommt die eigene persönliche Note jedoch nie zu kurz. Feinste Arrangements wie beim Opener "The Way I Feel" oder dem relaxt dahinschwebenden "Burning Bridges" lassen auf den ultimativen Durchbruch neugierig werden.


Phantom Planet
The Guest
Sony

Das amerikanischer Power-Pop schon längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist haben die letzten Jahre gezeigt. Umso erfreulicher für eine Band wie Phantom Planet, die mit ihrem zweiten Album endlich das Rampenlicht der Musikwelt erblicken. Wenn dann noch so hervorragende Produzenten wie Tchad Blake (BoDeans, Bangles) und Mitchell Froom (Crowded House, Suzanne Vega, Ron Sexsmith) hinter dem Mischpult stehen, sollte eigentlich nichts mehr schiefgehen. So dann auch auf The Guest geschehen, wie die zwölf Pop-Perlen nachdrücklich zeigen. Klassisches Songwriting mit eindeutig britischen Roots lassen die Westcoastler mit Hits wie "California" here I come zum Sommerdauerbrenner werden. Darf man gespannt sein wer sich als nächster Produzent profilieren kann.


Dan Bern
New American Language
Cooking Vinyl

Weniger ironisch aber dafür musikalisch gefestigter als sonst klingt Dan Bern auf seinem aktuellen Album. Was wohl nicht zuletzt am neuen Label liegt. Geblieben klassische Roadsongs typisch amerikanischen Ursprungs. Vom Talking Blues zum einfachen straighten Rock'n'Roll. Das machen viele andere allerdings auch. Was Bern einmal mehr heraushebt sind phantasievolle Texte über Gott und die Welt im allgemeinen, Cobain, Hitler und Jerusalem im speziellen. Der Ton Macht die Musik.

(space captain)