V’01

viennale 2001 - ein blick zurück

Die 39. Wiener Filmfestspiele sind Geschichte. Zeit also, um ein wenig zu rekapitulieren. Was war gut, was böse und warum gibt es Menschen die "Lovely Rita" für einen außergewöhnlichen Film halten?

Auf Frage # 3 gibt es schon einmal keine klare Antwort. Am realistischsten ist wohl, dass irgendwo einmal irgendjemand gemeint hat den österreichischen Film hypen zu müssen und seit dem breitet sich dieser Wahn im Schneeballprinzip immer weiter aus. Die Hoffnung, dass man ausgerechnet hierzulande auf die Idee kommen würde "Lovely Rita" keinen Preis nachzuwerfen, war wohl illusorisch. Lange Rede, kurzer Sinn: Jessica Hausner darf sich über eine lobende Erwähnung der Fipresci und den Wiener Filmpreis freuen.

Wie bereits in den letzten Jahren war eigentlich auch heuer schon nach dem Studium des Hauptprogramms klar, dass sich die echten Highlights wohl in engen Grenzen halten würden. Selbst die klassischen Die Hard-Besucher hatten so ihre Probleme damit ihren 30 Filme/Viennale–Schnitt zu halten, wie sich in so manchem Gespräch herauskristallisierte. Erster vermeintlicher Rausreißer hätte eigentlich die "Restless Souls"-Reihe werden sollen, welche allerdings mit "Kairo" und "Versus" gerade einmal nur zwei wirklich unterhaltsame Filme zu bieten hatte (ausgenommen sei hier der großartige "Kyua", welcher ja schon vor ein paar Jahren bei der Viennale lief). Sowohl der hochgelobte "Ringu" als auch dessen grottenschlechte RTL II-Pseudofortsetzung "Rasen" sorgten nicht gerade für Begeisterungsstürme. Ein ewiges Rätsel wird es wohl auch bleiben, weshalb nicht "Ringu 2" – das eigentliche Sequel - gezeigt wurde.

Kommen wir zuerst zu den wenigen wirklich ausnehmend guten Werken. Hier mischten sich alte Meister mit neuen jungen Talenten, was einem zumindest für die Zukunft hoffen lässt. Jean-Luc Godards Amerika-Bashing in "Eloge De L'Amour" sorgte für Heiterkeit im Saal und kräftigen Applaus. Beim neue Meisterwerk der Coen-Brüder "The Man Who Wasn't There" herrschte von Anfang an eigentlich wenig Gefahr, schon alleine wegen der großartigen Darbietung von Billy Bob Thornton. Größter Sieger des heurigen Jahres war aber mit Sicherheit das südamerikanische Kino, welches mit der Semidokumentation "La Libertad" (Argentinien), der herrlichen Slackerkomödie "25 Watts" (Uruguay), dem kurzen aber intensiven Drama "Bolivia" (nochmals Argentinien) und dem wohl lustigsten Film des heurigen Jahres, der Major-Produktion "Y Tu Mama Tambien" (Mexiko), aufwarten konnte.

Licht und Schatten gab es heuer bei den asiatischen Filmen, deren Auswahl leider irgendwie überhaupt nicht nachzuvollziehen war und auch keinerlei inhaltliche Linie besaß. Wo waren Rotterdam-Highlights wie "Battle Royal"? Nun ja, man nimmt was man kriegt und mit "Jin Nian Xia Tian" (China), "Mabudachi" (Japan) und "Hai Xian" (Hongkong) wussten immerhin drei Filme wirklich sehr zu gefallen. Den Vogel schoss aber "Fah Talai Jone" (Thailand) ab – eine völlig übergeschnappte Hommage an das Westerngenre, eingebettet in fürchterlichste Pinktöne. Großartig.

Wieder stark vertreten war in diesem Jahr die Kategorie "Ganz nett, mehr aber auch schon nicht". An der Spitze: "Ghost World", welcher zwar sicherlich ein durchaus netter Independent-Streifen mit großem Zuschauer-Potential geworden ist, den Charme von Daniel Clowes Comic-Meisterwerk konnte Regisseur Terry Zwigoff aber nicht auch nur im entferntesten einfangen. Auch nicht das Gelbe vom Ei war "Hedwig And The Angry Inch", ein Rock-Musical, welches zwar eine Stunde lang gut unterhält, danach aber völlig aus den Fugen gerät, so dass man sich nachher fast schon ein wenig ärgern musste. Ähnliches gilt für "I Am Josh Polanskis Brother", nur ohne den Unterhaltungs-Teil.

Überaus kurzweilig zum Ansehen war hingegen Denis Villeneuves kleiner Jean-Pierre Jeunet Verschnitt "Maelström", der zwar wahrlich nichts neues mehr bot, aber angesichts der Trostlosigkeit des Restprogramms für angenehme Abwechslung sorgte. "Memento" reiht sich da nahtlos ein, auch wenn man dem Film durchaus Originalität zugestehen kann. Das Meisterwerk als das er Land auf; Land ab dargestellt wird, ist er allerdings sicherlich nicht. "In den Tag hinein" von Maria Speth wusste ebenso zu gefallen, wie auch "Le Pornographe", dieser vor allem Dank Jean-Pierre Léaud.

Zu den größten Niederlagen der 39. Viennale zählen ohne Zweifel die Filme von Scott McGehee und David Siegel. Sowohl "The Deep End" (ein völlig irrationaler Pseudo-Thriller), als auch "Suture" (ein zweistündiger Running-Gag darüber, dass sich zwei Menschen nicht ähnlich sehen), zählen zu den verlorensten Stunden meines Lebens. Sehr enttäuschend auch die Dokumentation über Ton, Steine, Scherben von Christoph Schuch, welche zwar den politischen Ansatz der Band aufzeigen will, es dann aber lieber vorzieht das Publikum mit Tocotronische Lakonik zu quälen, anstatt Leute wie Blixa Bargeld, Schorsch Kamerun oder Jochen Distelmeyer zu interviewen. 119 Minuten die ich ebenfalls gerne zurück erstattet hätte, waren jene, in denen "Chie Shi Manpo" lief, ein Film bei dem irgendwann das Hirn in den Leerlauf übergeht, weil hier Langweile zum Konzept gemacht wurde. Bleibt zum Abschluss nur noch eines, nämlich "Lovely Rita" in diesem Absatz zu begrüßen.

.....und in elf Monaten geht der ganze Spaß von vorne los!

: related links :

http://www.viennale.at

Nicolas Ossberger