V’02

The Review

 

Die nackten Fakten attestieren der Viennale 2002 einen vollen Erfolg. Auch in diesem Jahr ist es nämlich gelungen die Besucherzahl ein weiteres Mal zu steigern, mit dem Effekt, dass erstmals die 70.000er Grenze überwunden werden konnte. Ein sicherlich großer Erfolg, wenn auch mit dem kleinen Wermutstropfen, dass angesichts einer zusätzlich hinzu gefügten Schiene im Gartenbau-Kino die Auslastung leicht rückläufig ist.

The Good, The Bad, The Mediocre

Das diesjährige Programm war von Durchschnittlichkeit geprägt. Noch nie hatte man so oft das Gefühl gerade ein zwar bemühtes, aber in keinerlei Art und Weise wirklich funktionierendes (geschweige denn herausragendes) Werk bewundert zu haben. Ob es am schwachen Jahrgang lag oder dem Hurchschen Auswahlprinzip, die Meinungen diesbezüglich gehen auseinander. Wie so oft dürfte die Wahrheit wohl irgendwo in der Mitte liegen. Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings der Umstand, dass sich die Viennale langsam aber sicher in Richtung eines Special-Interest-Festivals für Problemfilme in Digital Video entwickelt, die letztjährige Quote in Sachen neo-realistischer Großstadt- bzw. Niemandslanddramen mit Wackelbildsprache dürfte heuer noch einmal locker getoppt worden sein.

Wie man DV in all seiner Klarheit einzusetzen hat, zeigte in diesem Jahr Shunichi Nagasaki mit "Yawaraka Na Hoo", einer knapp 3,5-stündigen Reise entlang den Ufern von Wirklichkeit und Vorstellungskraft. Dieses japanische Fest für Auge und Geist sollte allerdings rückblickend einer der rar gesäten Höhepunkte bleiben.

Wie man überhaupt sagen muss, dass die Idee neuen Filmemachern einen großen Platz im Hauptprogramm einzuräumen zwar einen durchaus löblichen Ansatz in sich birgt, einem aber umso deutlicher das qualitative Gefälle vor Augen führt. Es stimmt einem fast schon traurig, wenn man sieht, dass der Grossteil der ansprechenden Produktionen von den üblichen alten Verdächtigen fabriziert wurde.

Allen voran gilt es die nicht mehr für möglich gehaltene Wiedergeburt Gus van Sants zu feiern, der mit "Gerry" einen der wohl meistdiskutiertesten Filme des heurigen Jahres abgeliefert hat. Böse Zungen mögen zwar behaupten, dass es sich hier nur um einen klaren Fall von Optik-Onanie handelt – vielmehr als aneinandergereihte gewaltige Wüsten-Einstellungen gibt es ja auch nicht zu sehen – der Wirkung des Films konnte man sich allerdings trotz langer 103 Minuten nicht entziehen.

Und überhaupt, die Optik. Auch Takeshi Kitano setzte in "Dolls" voll und ganz auf die Wirkung seiner Bilder. Seine fleischgewordenen Bunraku-Fabeln begeistern allerdings nicht nur ob ihrer für Kitano ja eigentlich untypischen Farbenpracht, sondern fasst mit Hilfe dreier ineinandergewobenen Geschichten die Gegensätzlichkeiten der Gefühlswelten perfekt zusammen.

Ein weiteres Fest für alle Kameramänner und jene die es noch werden wollen war Alexander Sokurows Tour De Force durch die russische Geschichte "Russki Kowtscheg" – ein 96-minüter Ritt durch den Eremitage-Palast in St. Petersburg ohne einen einzigen Schnitt. Fulminant in Szene gesetzt und nicht ohne Augenzwinkern. Ganz groß.

Die Aufgabe, Argentiniens Ruf als derzeit wohl spannendstes Filmland zu verteidigen, lag in diesem Jahr ganz in den Händen von Diego Lerman, dessen grobkörniges B/W-Roadmovie "Tan De Repente" zurecht den FIPRESCI-Preis einsacken durfte. Angesichts der momentan wohl nicht gerade rosigen Verhältnisse in der argentinischen Filmbranche, ist die durchgehend hohe Qualität der Produktionen fast schon sensationell (und ein Beleg dafür, dass Filmförderungsmittel noch lange keinen guten Film garantieren).

Positiv auf sich aufmerksam machte in diesem Jahr auch wieder Guy Maddin, der mit seiner DV-Verfilmung der Ballett-Version von Bram Stokers "Dracula" zwar beim Publikum nicht unbedingt auf grenzenlose Gegenliebe stieß, dem Schreiber dieser Zeilen aber durchaus kurzweilige Verzückung bescherte.

Eine Überraschung stellte sicherlich Paul Schraders "Auto Focus" da, ein Film, den man angesichts seiner Filmography ja eigentlich schon als Komödie einstufen müsste, auch wenn es schlussendlich natürlich kaum etwas zu lachen gibt. Auch Schrader setzt hier vor allem auf visuelle Mittel um den Verfall des Hauptprotagonisten Bob Crane nachzuzeichnen, so klar und bunt wie der Film beginnt, so verschwommen und blass endet er.

Die beiden wohl größten Ego-Tripper der Dokumentarwelt, Michael Moore und Nick Broomfield, präsentierten in ihren neuen Werken natürlich wieder in erster Linie sich selbst. Während Moore mit "Bowling for Columbine" nach höchst unterhaltsamen 100 Minuten völlig im Pathos versinkt (und gerade deshalb wohl in den Vereinigten Staaten trotz des nicht gerade US-freundlichen Inhalts Erfolge feiert), ist Broomfields "Biggie & TuPac" einfach nur noch jenseits von Gut und Böse, wobei man dem Briten ein ums andere Mal beschönigen muss, alles nur nicht feige zu sein (kein Wunder allerdings, bei dieser maßlosen Selbstüberschätzung).

Überhaupt blieben die Dokumentationen in diesem Jahr einiges schuldig, umso erfreulicher aber die Tatsache, dass die Zuschauerzahlen mittlerweile auf gleicher Höhe mit den Spielfilmen liegen. Gerd Conradts "Starbuck – Holger Meins" präsentierte zwar so manch zeitgeschichtlich interessantes Werk, jedoch musste man im Gegenzug dafür auch Rainer Langhans absonderliche Theorien gänzlich unreflektiert über sich ergehen lassen. Hinter den Erwartungen zurück blieb auch die finnische Doku "Blainoi Mir – Varkaden Maailma" über ein russisches Gefängnis in den Sümpfen der Taiga .

Dem Eröffnungsfilm "Etre Et Avoir" konnte man immerhin zu Gute halten, dass er einem nicht schon zu Beginn des Festivals denn Spaß verdorben hat, 104 Minuten lang eine Dorfschulklasse zu beobachten ist allerdings auch nicht jedermanns Sache. Nathalie Borgers mittlerweile auch bei ARTE ausgestrahlte Dichand-Reportage zeigte wiedereinmal augenzwinkernd in was für einem Land wir leben, die Dokumentar-Krone geht in diesem Jahr allerdings ganz klar an Raymond Depardons "1974, Une Partie De Campagne", einem schonungslosen Stück französischer Zeitgeschichte, entstanden, als er Valéry Giscard auf dessen Präsidentschaftswahlkampf begleitete.

Auch wenn der Anteil an französischen Produktionen im Vergleich zum Vorjahr leicht rückläufig war, über mangelnde Auswahl konnte man sich auch heuer nicht beschweren. Das es in Frankreich nun schon seit geraumer Zeit krankt, ist wahrlich kein Geheimnis, dementsprechend unspektakulär auch die diesjährigen Werke. Einzig "La Cage" von Alain Raoust und "La Chatte A Deux Tetes" von Jacques Holot konnten sich ein wenig von der Masse abheben. "Abouna" ging zur Hälfte leider völlig die Luft aus, der einzige Existenzgrund für "Les Jours Ou Je N’Existe Pas" dürfte wohl ein außer Kontrolle geratenes Schlafexperiment gewesen sein.

Vor das wohl größte Rätsel stellte einem in diesem Jahr allerdings die Auswahl an asiatischen Werken. Mit der thailändischen Produktion "Monrak Transistor" konnte man ja, vor allem Dank einer wahrhaft grandiosen Huldigung an "Tears Of The Black Tiger", noch leben – der Rest siedelte sich allerdings irgendwo zwischen in Szene gesetzter Fadesse und bemühten DV-Spielerein an. Selbst ein gestandene Könner wie Fruit Chan ("Renmin Gongche") konnte nicht überzeugen. "Mon Huan Bu Luo" präsentierte schöne Bilder, wenig Inhalt, "Goyang-Irul Bootak-Hae" scheiterte schlussendlich an der Erkenntnis, dass Handys eben doch nicht abendfüllend sind, "Ren Xiao Yao" war keineswegs die "elektrisierende Studie über Langeweile" als welcher der Film angekündigt wurde, sondern vielmehr die Wurzel des Problems, "Kuqi De Nüren" konnte sich nicht entscheiden ob er lieber Drama oder Komödie sein will (beides gleichzeitig hat jedenfalls nicht funktioniert) und "Youyou Chouchou De Zou Le" geht möglicherweise als interessantes DV-Versuchsprojekt in Ordnung, knapp 90 Minuten Laborratte zu spielen ist allerdings auch kein Vergnügen.

Die dunkle Seite der Macht hat in diesem Jahr gleich mehrer Namen. Mit gutem Beispiel vorangehend, kämpften an vorderster Front zwei deutschsprachige Produktionen um den Preis der goldenen Ananas. Zum einen wäre da Ulrich Köhlers "Bungalow", ein Film so nichtssagend und bedeutungslos wie Larry Clark in seinen stumpfsten Momenten. Wer schon immer die filmische Bestätigung dafür gesucht hat, dass das Bundesheer doof, die Provinz langweilig und die Freundin des großen Bruders immer interessanter als die eigene ist – hier wird geholfen.

In der Kategorie "Substanzlos, aber glücklich" konnte "Bungalow" nur ein Film ernsthaft Konkurrenz machen und es ist doppelt ärgerlich, dass dieser ausgerechnet aus Österreich kommen muss. Man hat sich hier wirklich die Frage zu stellen, ob es Sinn macht einen Film wie "Blue Moon" nur deshalb ins Programm zu nehmen um die Quote zu erfüllen. Denn bei aller Liebe, die 90 Minuten heiße Luft die einem da als Road Movie verkauft werden sollen, hätten wohl, wären sie aus einem anderen Land gekommen, nicht den Funken einer Chance auf einen Platz im Hauptprogramm gehabt.

Eine Katastrophe mit Ansage präsentierte in diesem Jahr (again) John Sayles, der mit "Sunshine State" sämtliche Disney-Register zog und in die Filmgeschichte eingehen wird, als jener Regisseur, der es geschafft hat Miguel Ferrer zu verheizen. Eine reife Leistung. Ebenso wie das punktgenaue herauskitzeln sämtlicher ethnischer Klischees, die den Film wirklich spätestens aber der Hälfte zum unerträglich Ärgernis werden lassen, massenkompatibles Schenkelklopf-Finale inklusive.

Alles in allem brachte die Viennale 2002 nur wenige echte Höhepunkte und viel Stückwerk. Es bleibt abzuwarten, ob sich das Festival aus der in den letzten zwei, drei Jahren eingeschlichenen Lethargie wird befreien können. Während letztes Jahr die japanischen Geisterschiene noch gut funktioniert hat, stand in diesem Jahr "Frailty" völlig alleingelassen auf weiter Flur. Es machte schon fast den Eindruck, als wäre Bill Paxtons exzellentes Regiedebüt nur deshalb ins Programm gerutscht, um für eine volle Samstag Nacht Vorstellung zu sorgen, mit den restlichen 200+ Produktionen hatte er jedenfalls nichts gemein. Tatsachen wie dass man vergebens auf einen neuen Cronenberg warten musste und aktuelle Werke von Leuten wie Tom DiCillo endgültig der Viennale-Vergangenheit anzugehören scheinen, fügen sich noch zusätzlich ins Gesamtbild ein.

Fakt ist, es war eine Freude "Badlands" in einer erstaunlich guten Kopie im Gartenbau gesehen zu haben, Sissy Spacek verschmähte frevelhafterweise Wien und Ed Lachman dürfte ein äußerst angenehmer Zeitgenosse mit einer gesunden Portion Humor sein, zumindest konnte man diesen Eindruck nach seinen wenig schmeichelhaften Worten bezüglich seiner Arbeit an "My New Gun" gewinnen.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass das Film Festival Geschäft zumindest eines mit der wichtigsten Nebensache der Welt gemein hat – das alljährliche Motto lautet: Always Next Year!

: related links :

http://www.viennale.at

Nicolas Ossberger