V’04

The Review

Over and Out. Der diesjährige Viennale-Marathon ist Geschichte, Zeit für eine erste Bestandsaufnahme. Wem verdanken wir die Glanzpunkte des Festivals und wer schaufelte sich sein eigenes Grab – die Antworten darauf gibt es wie immer im großen wellbuilt-Rückblick.

 

14 Tage im Celluloid-Rausch. Das sind 14 Tage ohne nennenswerten Schlaf, dafür mit unzähligen neuen Eindrücken, Meinungen und Bildern im Kopf. 81600 Besucher waren in diesem Jahr bei insgesamt 289 Projektionen cineastisch aktiv, ein nomineller Anstieg von beinahe 10%, der den Erfolgslauf des Festivals zumindest in Sachen Zuseherzuspruch weiter prolongiert. 

Factozoid

Statistik ist bekanntlich etwas sehr feines. Die Ziffern und Zahlen des Abschlussberichtes zur 42. Viennale-Auflage vermitteln einem beispielsweise das Gefühl Zeitzeuge eines triumphalen Erdrutschsieges in Sachen Wiener Filmbegeisterung geworden zu sein. Eine Vorstellung, die man nur allzu gerne für bare Münze nehmen würde, wären da nicht die wenig erbaulichen restlichen 50 Kinowochen im Jahr.

Bevölkert von einem per Tragtasche zur Urbanität verdammten Publikum, hat sich die Viennale unter der Führung von Direktor Hans Hurch innerhalb weniger Jahren in eine cineastische Tundra verwandelt. Vom vielzitierten "Publikumsfestival" früherer Tage hin zur geschmäcklerischen Selektion der Gegenwart ist es augenscheinlich ein kürzerer Weg als bisher angenommen.

Dem entgegen steht selbstredend die Statistik, welche Jahr um Jahr neue Superlativen in Sachen Auslastung vermeldet, das Zustandekommen des neuerlichen 10prozentigen Zuwachses (zusätzliche 11:00 Schienen, deutlich mehr Vorführungen im Rahmen der Retrospektive, explizierte Gartenbau-Programmierung, dauerbeworbener Bonus-Track, Melvins-Konzerte miteingerechnet) aber kaum Erwähnung findet. 

Es ist die Symbiose aus cineastischer Ausgehungertheit, dem nicht zu unterschätzenden Event-Faktor und der gerade beim Stammpublikum allgegenwärtige "Always Next Year" - Hoffnung, welche die Viennale auch 2004, einer fast schon als erzieherische Maßnahme auslegbaren Programmierung zum Trotz, zu einem auslastungstechnischen Erfolg werden ließ.

Hier zeigt sich, dass das Publikumsinteresse am Weltkino im Allgemeinen und neuen Strömungen in Speziellen erfreulicherweise nach wie vor ungebrochen ist, sich der Wunsch nach Belehrung wie im Falle der äußerst bescheiden angenommenen Straub/Huillet – Werkschau aber in engen Grenzen hält. Man kann nur hoffen, dass der  direkte Vergleich mit dem Erfolg der Art Theatre Guild – Retrospektive von 2003 als Wink mit dem Zaunpfahl verstanden wird. 

Hunting High & Low

Das vorhergehende Lamento lässt es bereits erahnen: im Langfilmbereich konnte das diesjährige Hauptprogramm nur marginal überzeugen. So erfreulich die Tatsache auch sein mag, dass die wie immer vorbildhaft bestückte Dokumentarfilmschiene erstmals die höchste Auslastung des gesamten Festivals einfuhr, sagt dieser Umstand doch auch einiges über das dargebotene Spielfilmpotential aus. 

War es in den letzten Jahren stets so, dass einige zentrale Werke die Qualität des Programms mittrugen - wie 2003 "Zatoichi", "The Brown Bunny", "Elephant", "Tokyo.Sora" oder 2002 "Tan de Repente", "Gerry", "Yawaraka Na Hoo", "Russian Ark" – musste man in diesem Jahr beinahe gänzlich auf fiktionale Arbeiten dieser Güteklasse verzichten. 

David Fensters äußerst erfreuliches Debüt "Trona" bildete dabei ebenso die Ausnahme wie Park Chan-Wooks "Old Boy", welcher zwar nicht an "Sympathy for Mr. Vengeance" heranreicht, im Vergleich zur Konkurrenz aber wie von einem anderen Stern wirkte. Gemeinsam mit Jonathan Caouettes "Tarnation" bildeten diese Werke quasi das Dreigestirn der wirklich überzeugenden Produktionen in diesem Jahr. 

Positive Akzente konnte auch Cédric Kahn mit seinem neuen Werk "Feux Rouges" setzen, mit dem Wehmutstropfen, dass der Franzose seine Geschichte in den letzten 15 Minuten leider königlich versenkt. Ebenfalls seine Momente hatte Wu Ershans "Soap Opera", auch wenn die DV-Arbeit gut eine Stunde benötigt um in Fahrt zu kommen. Fachmännisch wie immer präsentierte sich dafür Olivier Assayas, auch wenn "Clean" vermutlich nicht als zentrales Werk seiner Filmographie in die Geschichte eingehen wird. 

Gewohnt Unspektakuläres (im besten Sinn!) lieferte der Kasache Serik Aprymov mit "Okhotnik" ab und auch "La Libertad"-Regisseur Lisandro Alonso wusste mit seinem aktuellen Film "Los Muertos" wenn schon nicht zu begeistern, dann doch zumindest zu gefallen. Für den FIPRESCI-Preis hat es jedenfalls gereicht. Eine Auszeichnung die sich der Argentinier mit der US-Amerikanerin Debra Granik teilen muss, die ihrerseits mit "Down to the Bone" ganz neue Wege in Sachen Belanglosigkeit beschritt. 

Womit sie im Verlauf der zwei Wochen wahrlich nicht alleine war, denn wenn sich in diesem Jahr ein roter Faden durch das Hauptprogramm gezogen hat, dann jener der cinematographischen Stagnation. "Parapalos", "Bu jian", "Chain", "Pirated Copy", "A Tout de suite", "B (corta)" – allesamt Filme die mit viel Vorschusslorbeeren bedacht wurden, im Endeffekt jedoch nur in den seltensten Fällen Erwähnenswertes ablieferten. 

Doch es sollte noch schlimmer kommen und zwar in Form von "The Ghosts of Edendale", ein grobschlächtiger Heimwerkerfilm in DV, dessen Festivalrelevanz wohl auf ewig ein Mysterium bleiben wird. Kollektive Fassungslosigkeit all around. Eine Reaktion, die sich auch die südkoreanische Produktion "Ganeunghan Byunhwadle" verdient hätte, hier zog es ein nicht unbeträchtlicher Anteil des Publikums jedoch vor frühzeitig ins Land der Träume abzudriften.  

Dankbar wie selten zuvor, musste man 2004 für das ausgiebige Doku-Programm sein, retteten einem Werke wie Ross McElwees "Bright Leaves" oder Harun Farockis "Nicht ohne Risiko" nicht selten den Tag. Österreich ("In Wirklichkeit ist alles anders"), Iran ("Zananeh"), Rural America ("Brother's Keeper"), Palästina ("Ford Transit"), Frankreich ("10e chambre, Instants d'audience"), Argentinien ("Memoria del saqueo") – gutes Material gibt es überall und hier liegt mit Sicherheit eine der großen Stärken der Viennale. 

Where Do We Go From Here

Was bleibt also von der 42. Auflage des Vienna International Film Festivals? Nun, zuerst einmal natürlich die Erinnerung an Lauren Bacall und ihre rar gesäten Auftritte in Wien. Nicht nur, weil sie der erste echte Stargast seit einer halben Ewigkeit war, sondern vor allem auf Grund ihrer totalen Verweigerungshaltung gegenüber den Dauerhuldigungen ihrer Gastgeber. Wer schon immer einmal wissen wollte, wie es aussieht, wenn ein Festivaldirektor vor ausverkauften Haus in Grund und Boden gestampft wird, der hatte seine Chance im Rahmen der "The Big Sleep"-Gala im Gartenbau. 

Neben dem Tribute für Bacall, war es vor allem Hirokazu Koreeda, der das Programm 2004 deutlich mitgeprägt hat. Die vier gezeigten Langfilme bestätigten jedenfalls seinen Status als einer der interessantesten Jung-Regisseuren des asiatischen Raums und auch die Bereitschaft mit dem Publikum bis 3 Uhr früh über seine Werke zu diskutieren muss ihm hoch angerechnet werden. 

Was indirekt zu einem in dieser Form wohl neuen Kritikpunkt führt, welcher die generelle Programmierung betrifft. Es darf bezweifelt werden, ob Filme wie Koreedas "Distance" oder auch Apichatpong Weerasethakuls "Sud Pralad" in der 23:30 Schiene gut aufgehoben sind, hier wäre ein wenig Fingerspitzengefühl angebracht. Es dürfte weder im Interesse der Macher noch des Publikums sein, die ruhigsten und anstrengendsten Werke zu später Stunde auf das erschöpfte Kinovolk loszulassen. 

Es wäre dem Festival und seinen Besuchern zu wünschen, dass es in den nächsten Jahren zu einer kleinen Rückbesinnung kommt. Vom nordamerikanischen Independentkino hat sich die Viennale beispielsweise bereits so weit entfernt, dass einem sogar Banalitäten wie "Dandelion" und "Undertow" als Status Quo verkauft werden können. Kein "Garden State", kein "Primer", schon gar kein "The Saddest Music in the World" -  Filme, die scheinbar allesamt gegen das oberste Weltverbesserungsreglement verstoßen. (Die völlige Ignoranz der britischen Filmwelt gegenüber sei hier nur nebenher erwähnt).

Nicht jeder Jahrgang ist für die Ewigkeit bestimmt, das trifft beim Film ebenso zu wie beim Wein. Dementsprechend regiert zum Abschluss dieses Rückblicks, in weiser Voraussicht auf die Viennale 2005, erneut das gute alte Prinzip Hoffnung. Es liegt in den Händen des Festivals auf die heurigen Ereignisse und Entwicklungen zu reagieren, auf das der Oktober wieder zum cineastischen Freudenmonat wird.

  

Nicolas Ossberger